Schafhof, Gaststätte, Bordell - Wechselvolle Geschichte des Scherenkruges
[Bild: Der Scherenkrug um 1950.]
Wilde Söldnertrupps, die plündernd durch Lippe zogen, hatten sich wohl verrechnet - damals im Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648. Auf der Landstraße nach Bielefeld, wo später der Scherenkrug stand, gab es seinerzeit wenig Alkohol, dafür aber viele Schafe. Ein Schäfer lebte in diesen Jahren mit seiner Familie auf der „Scharpfenschere“ und versorgte die Schafe der umliegenden Höfe und vor allem die seines Dienstherrn auf Gut Niederbarkhausen. Eine seiner wichtigsten Aufgaben war es, die Schafe der ganzen Gegend zu scheren. Daher stammt offenbar auch der Name Scherenkrug. Erst im Jahr 1721 erhielt der Krug die Schankrechte von der lippischen
Regierung übertragen. Doch schon vorher habe es hier wilde Zechereien, handfeste Schlägereien und Gerichtsprozesse gegeben. So steht es in historischen Protokollen. Das alte Hofgebäude lag allerdings noch nicht an der Stelle des heutigen Scherenkrugs, sondern einige Meter weiter Richtung Helpup. Die Gäste waren Bauern aus der Umgebung und Fuhrleute, die Rast machten und ihre Pferde versorgten. Aber der alte Gasthof war im Laufe der Jahre so baufällig geworden, dass ihn der Eigentümer von Gut Niederbarkhausen, Friedrich Ludwig Tenge, abreißen und das Gasthaus an der heutigen Stelle errichten ließ - am Kreuzungspunkt der Chaussee Lage - Bielefeld mit der Landstraße Schötmar - Oerlinghausen.
Revolution am Krug
Im Revolutionsjahr 1848 ging es rund in Deutschland. Auch am Gut Niederbarkhausen tauchten Revolutionäre aus Rietberg auf, um beim Gutsherren Tenge-Rietberg für mehr Demokratie zu protestieren. Grester und Helpuper Bauern wollten sich einmischen. Doch als sie am Scherenkrug anrückten, waren die Demonstranten bereits verschwunden. Immerhin habe es statt der Prügelei einen kräftigen Umtrunk gegeben, so steht's im behördlichen Protokoll.
Berühmter Besuch
Im Jahr 1869 lief im Garten des Scherenkruges eine außergewöhnliche Wiedersehensfeier. Der bekannte Dichter Ferdinand Freiligrath trank hier seinen ersten Becher Wein auf lippischem Boden, als er nach 20-jähriger Verbannung aus England zurückkehrte. Die Freunde des aus Detmold stammenden Dichters hatten gesammelt und für ein Willkommenstreffen gesorgt. Freiligrath blieb jedoch nicht lange in Lippe, sondern übersiedelte recht bald ins schwäbische Cannstatt. Gutsbesitzer Alfred Tenge ließ anlässlich des Besuchs des Dichters eine Tafel an der Eiche im Garten des Scherenkrugs anbringen. „Unter dieser würdigen deutschen Eiche wurde im Jahre 1869 Ferdinand Freiligrath nach Rückkehr aus 20-jähriger Verbannung in seinem Heimatland der erste Becher Wein kredenzt“, stand darauf. Im Garten führte der Dichter der ersten demokratischen Bewegung Gespräche mit den Oerlinghauser Leinenhändlern Niemeyer und Becker sowie mit dem Apotheker Melm. Im Jahr 1996 wurde die Freiligrath-Eiche gefällt.
Der Leinenhändler Weber
Bereits einige Zeit zuvor hatte es einen prominenten Zuzug gegeben. Der junge Leinenhändler Carl David Weber aus Bielefeld fand 1849 im Scherenkrug einen ersten Unterschlupf und eine Wohnung, weil er dem preußischen Militärdienst entgehen wollte. Einige Jahre später kaufte er an der Detmolder Straße in der Dorfgemeinde Oerlinghausen das Haus des Arztes Meyer. Die Leinenmanufaktur startete er dann ebenfalls in Oerlinghausen. Seine Enkelin Marianne allerdings, die später eine der bekanntesten deutschen Frauenrechtlerinnen werden sollte, wählte sich den Scherenkrug für ihre Hochzeitsparty aus: Sie heiratete dort im September 1893 den berühmten Soziologen Max Weber. Ein schönes Fest habe „auf dem Saal“ stattgefunden, so heißt es in alten Unterlagen.
Hitler im Wahlkampf
Doch nicht nur fröhliche Ereignisse erlebte der Scherenkrug im Laufe seiner langjährigen Geschichte. Auch ein Kapitel dunkelster deutscher Geschichte lief hinter seinen Mauern ab. Adolf Hitler trat hier Anfang Januar 1933 auf, um den Wahlkampf in Lippe für sich zu entscheiden. Nach Oerlinghausen traute er sich wegen der vielen Sozialdemokraten nicht, denn dort hatten die Nazis oft Prügel bezogen. Doch unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen der SA hörten viele Hitler-Verehrer seiner flammenden Wahlkampfrede im Saal des Kruges zu. Er spielte den Badenweiler Marsch auf dem Klavier des Scherenkrugs, als Adolf Hitler seine Rede hielt, sein glühendster Verehrer, Asemissens Ortsgruppenleiter Kassen. Er galt später als größter Denunziant im Ort. Nach dem Einmarsch der Amerikaner 1945 wurde „Kassen-Blitz“ gezwungen, sich hoch auf einem Panzer der Alliierten den Dorfbewohnern zu präsentieren, bevor er zur Entnazifizierung ins Lager Staumühle (bei Hövelhof) kam.
Granatenbeschuss
Die anrückenden Alliierten beschossen in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs von der Senne aus die Verteidiger auf dem Tönsberg. Viele Granaten verfehlten ihr Ziel und schlugen in der Umgebung des Scherenkrugs ein. Doch die Gaststätte blieb unbeschädigt. Brandgefährlich wurde es noch einmal, als das letzte deutsche MG-Nest vom Tönsberg herab am ersten Ostertag 1945 mit Leuchtspurgeschossen auf die amerikanischen Truppen am Scherenkrug hielt. Auch hier blieb der Gasthof unversehrt.
Aufbruchstimmung herrschte überall nach dem Zweiten Weltkrieg. Es waren schöne und lustige Jahre im Scherenkrug. Die Menschen aus Oerlinghausen und Asemissen besuchten oft die Tanzveranstaltungen. Die legendären „Blau-Weißen-Nächte“ des TuS Asemissen hatten riesigen Zulauf. Erntedankfeste, Familienfeiern, Schulabschlüsse, Wiedersehensfeiern - ein großer Teil des gesellschaftlichen Lebens spielte sich hier ab. Wirt Ritzenhof war eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Umgebung.
Rotlichtmilieu
Doch mit zunehmendem Verkehr auf der Straße kamen letztlich immer weniger Gäste in die Gaststube und den Biergarten. Der Verkehr innerhalb des Hauses allerdings nahm deutlich zu. Nach häufigem Besitzerwechsel ließ sich ein Nachtclub im Scherenkrug nieder, der „Palm Beach Club“. Die Legende erzählt von drei angetrunkenen Oerlinghausern, die auf der Suche nach käuflicher Liebe offenbar zu wenig Geld ausgeben wollten. Alle Damen sollen vereint über die drei hergefallen sein, so dass das Trio sich fluchtartig in Sicherheit bringen musste.
Das Ende des Scherenkruges 1995 schließlich war auch dieses Kapitel beendet, die Gemeinde Leopoldshöhe übernahm das leerstehende Gebäude. Nach vielen Umbauten zogen fast 100 Aussiedler aus Russland hier ein, die in Leopoldshöhe eine erste Unterkunft gefunden hatten. Doch nach und nach übersiedelten die Bewohner in andere, schönere Wohnungen, und der Scherenkrug leerte sich. Das heute unbewohnte Gebäude steht unmittelbar auf dem Gebiet, auf dem ein großer Verkehrskreisel der Bundesstraße 66 gebaut werden soll. Das Ende und der Abriss des renommierten Scherenkrugs sind absehbar. Was aber bleibt, sind auch viele Geschichten, die sich um den Scherenkrug ranken.
Werner Höltke
[Bild: Die Eiche mit der Freiligrath- Widmung.]