60 Jahre Busverbindung Sieker - Oerlinghausen

 

Als nach dem Ersten Weltkrieg der Hauderer Fritz Hellkamp mit seinem Pferdeomnibus den Verkehr auf der Strecke nach Bielefeld bzw. zum Bahnhof Oerlinghausen in Asemissen einstellte, war dies ein gewaltiger Rückschlag für den Ort Oerlinghausen. Insbesondere die Arbeiter, die in Bielefeld ihren Arbeitsplatz hatten, waren nun gezwungen, ihren Weg zum Bahnhof zu Fuß zurückzulegen oder sich ein Fahrrad zu kaufen. Da das Geld hierfür nicht vorhanden war, musste für den Weg von 4 - 5 km etwa 1 Stunde morgens und abends aufgebracht werden.

Dem Oerlinghauser Verkehrs- und Verschönerungsverein ist es dann gelungen, wenn auch aus anderen Gründen, bei der Reichspost die Errichtung einer Busverbindung Postamt - Bahnhof durchzusetzen. Im Laufe der Jahre genügte diese Verbindung zur Außenwelt den Oerlinghausern aber nicht mehr. Besonders als Oerlinghausen 1926 Stadtrechte erhielt, drang der Magistrat und dessen Bürgermeister August Reuter auf andere neue Verbindungen.

Als am 2. Januar 1928 der Dreschmaschinenbesitzer Fritz Rehm aus Augustdorf bei der Lippischen Regierung um die Genehmigung einer Kraftomnibusverbindung zwischen Oerlinghausen und Bad Salzuflen nachsuchte, da war dies der erste Schritt, um die noch so junge Stadt verkehrsmäßig zu erschließen. Schon am 17. März 1928 erteilte die Lippische Regierung Herrn Rehm die Genehmigung, mit einem Bus der Marke "Brennabor", welcher 14 Sitzplätze hatte, die Linie zu betreiben.

Rehm, inzwischen Oerlinghauser Bürger, betrieb seine Linie über Asemissen nach Salzuflen, und damit tauchte im hiesigen Raum zum ersten Mal das sogenannte "Streckenmonopol" auf. Die Reichspost erhob Einspruch, und Rehm änderte seine Streckenfahrten nun und fuhr über Helpup. Aber das Eis um Oerlinghausen war gebrochen. Schon bald wollten auch andere Unternehmer Oerlinghausen anfahren, u.a. die Strecken Sennelager-Oerlinghausen und Augustdorf bzw. Stukenbrock-Oerlinghausen.

Am 14. Oktober 1928 richtete der Ortskartell-Vorsitzende des ADGB, Heinrich Sieweke, ein Schreiben an den Oerlinghauser Magistrat, worin er den langen Anmarschweg der hiesigen Arbeiter schildert und schreibt weiter: Wer den Postbus, der vom Postamt abfährt, benutzen will und bis dahin läuft, der läuft auch weiter bis zum Bahnhof und spart dabei die 30 Pfennig Fahrgeld. Besser wäre es, wenn ein Bus vom Kastanienkrug aus bis nach Bielefeld führe.

Nun ist das Wort heraus: Oerlinghausen - Bielefeld! Sofort reagiert die Post und setzt ihren Bus auch beim Kastanienkrug ein und nimmt bis zum Bahnhof für eine Zehnerkarte 2,50 RM. Aber das Städtische Betriebsamt Bielefeld reagiert ebenfalls am 22. April 1929. Es setzt ein Genehmigungsverfahren in Gang, um sonntags die Linie Hillegossen-Oerlinghausen-Kraks zu bedienen. Die Strecke Sieker - Hillegossen und Sennefriedhof - Kraks (Ramsbrock) war schon am 23. Oktober 1928 von der Regierung in Minden genehmigt worden.

Das Städtische Betriebsamt schreibt im Antrag:

Unser Wagenpark besteht aus:

6 Büssing-Bussen

4 N.A.G.-Bussen

2 Dürkopp-Bussen

Die Wagen sind bereits abgenommen. Am 22. August 1929 schreibt das Betriebsamt an Bürgermeister Reuter in Oerlinghausen: Ab Montag, den 26.8.1929, werden wir die Linie Sieker - Scherenkrug werktags 1 1/2 stündlich befahren, und sonntags die Linie Sieker - Oerlinghausen - Sennefriedhof.

Der 1. September 1929, ein Sonntag, brachte dann einen gewaltigen Besucherstrom in die blühende Heide. Die Busse konnten den Rückkehrstrom am Abend nicht bewältigen, sodass viele Besucher den langen Weg zum Oerlinghauser Bahnhof in Asemissen antreten mussten. Ein Leserbriefschreiber fragt ein paar Tage später: Warum fahren die Busse werktags nur bis Scherenkrug? Steht vielleicht auf der restlichen Strecke von 2 km ein altes Pferd mit Namen "Amtsschimmel"?

Am 26. September 1929 reicht das Betriebsamt Bielefeld einen Antrag zum Befahren der Linie Scherenkrug - Oerlinghausen bei der Regierung in Minden ein, und am 4. Oktober 1929 denselben Antrag bei der Regierung in Detmold, da diese Streckenführung über rein lippisches Gebiet führt. (Siehe: Westfälische Zeitung vom 4. + 5. Sept. 29 und Westfälische Neuesten Nachrichten vom 4. Sept. 29.)

Im Monat Oktober passiert noch etwas anderes. Am 22. ist Pollhansmarkt in Schloß-Holte und das Betriebsamt Bielefeld lässt von dort Sonderbusse über Oerlinghausen laufen. Die Vereinigten Hauderer (Fuhrunternehmer) aus Oerlinghausen protestieren bei der Regierung in Detmold. Bürgermeister Reuter wird um Stellungnahme gebeten. In seinem Antwortschreiben vom 29. Okt. 1929 führt Reuter aus: Der Verkehr am 22. Okt. hätte ohne die Wagen des Betriebsamtes Bielefeld gar nicht bewältigt werden können. Sie sind in Oerlinghausen ohne Halt durchgefahren, weil sie schon vorher überfüllt waren. Die 3 Omnibusse und 6 Personenwagen der Oerlinghauser Hauderer mussten noch von anderen aus der Umgebung verstärkt werden. Auch die Post ließ mehrere große Kraftomnibusse zum Pollhans fahren. Das nochmalige Vorbringen des Wunsches der hiesigen Hauderer, dass sie die Strecke Bielefeld-Oerlinghausen-Sennefriedhof befahren möchten, kann gar nicht in Erfüllung gehen, da diese auf preußischem Gebiet gar keine Genehmigung erhalten würden.

Im Übrigen sind wir der Ansicht, dass solch große Verkehrslinien eine kommunale Einrichtung sein müssen, zum mindestens aber der "öffentlichen Hand" vorbehalten bleiben müssen. Diese Ansicht vertreten wir - einmal aus praktischen und finanziellen Erwägungen heraus, zum anderen aus grundsätzlichen politischen Anschauungen. - soweit A. Reuter.

Alle Beteiligten fühlen nun, dass in absehbarer Zeit in Detmold eine Entscheidung über diesen 2 km kurzen, aber wichtigen Abschnitt bevorsteht. Nochmals begründet die Reichspost und Reichsbahn ihren Widerspruch. Reuter und das Betriebsamt antworten z.T. verärgert über die "Drohungen", die im Widerspruch angedeutet werden.

Am 6. November 1929 bittet die Regierung in Detmold alle Beteiligten für den 13. November zu einer letzten Besprechung. Es wird dort keine Einigung erzielt. Eine nochmalige Besprechung der direkt Beteiligten wird auf den 19. November angesetzt. Sie findet in Bielefeld statt. Anwesend sind:

Stadt Bielefeld - Herr Generaldirektor Dr. Ing. Lüth

Regierungsbaumeister a.D. Kolster

Stadt Oerlinghausen - Herr Bürgermeister A. Reuter

Reichsbahn - Herr Direktor Vollradt - Hannover

Reichspost - Herr Abteilungsleiter Holst - Berlin

Herr Oberpostrat Apelt - Minden

Herr Oberpostdirektor Riemschneider - Bielefeld

Herr Postmeister Dierks - Oerlinghausen

Eine Einigung kommt auch hier nicht zustande, aber gemeinsam überlässt man die Entscheidung der Lippischen Regierung. Durch "Eilboten" übermittelt diese am 29. November 1929 dem Betriebsamt in Bielefeld die Erlaubnis, zunächst für 1 Jahr die Strecke Scherenkrug - Oerlinghausen (Kastanienkrug) zu bedienen. Damit war eine für Oerlinghausen heute noch wichtige und gar nicht wegzudenkende Entscheidung gefallen.

Am Donnerstag, den 5. Dezember 1929, wird die neue Busstrecke durch eine Sonderfahrt zum Haus der Technik eingeweiht, an der alle Ratsmitglieder von hier und andere Gäste geladen waren. Die Fahrt zurück endet beim Stadthotel, wo dann mit den Vertretern des Städtischen Betriebsamtes Bielefeld eine kleine Eröffnungsfeier stattfand. (Bürgermeister Reuter hat in den Einladungen hierzu geschrieben: Es wird 1 Glas Bier gereicht.) (Solch eine lobenswerte Sparsamkeit der Etatmittel können wir uns heute gar nicht mehr vorstellen. Der Verf.)

Seit Freitag, den 6. Dezember 1929, wird die Stadt Oerlinghausen nun regelmäßig von den Bussen der Stadtwerke Bielefeld angefahren.

 

10/89 Fritz Soll sen.