Oerlinghausen um 1850

(Aus einem Vortrage, den ich am 27. Januar 1947 im "Heimatkundlichen Verein" unter dem Titel "Oerlinghausen vor 100 ! Jahren" gehalten habe.)

 

Im Jahre 1831 kommt ein neuer Pfarrer nach Brackwede, ein junger Theologe namens Schliepstein. Er löste den alten achtzigjährigen Pfarrer Ledebur ab [Fußnote: Siehe handschriftliche Chronik des Amts Brackwede.] und begann sogleich eine sehr rege Tätigkeit in seinem weiten Sprengel.

Man kann fragen: Was hat ein junger Pastor in Brackwede mit der Heimatkunde von Oerlinghausen zu tun? - Aber ich darf diese Verbindung mit Brackwede nicht übergehen, denn sie wirkte sich auf unser Dorf aus. 1831, das war, wie ich schon auf Seite 218/219 und Seite 298 erwähnt habe, die Zeit großer Not, eine schwere Krisenzeit, weil durch die Erfindung des mechanischen Webstuhls die ravensbergische und lippische Handweberei fast lahmgelegt worden war und unzählige Weberfamilien dem Hunger preisgegeben waren und viele Menschen am Hungertyphus starben. Besonders in der Senne, wo das Korn doch von jeher nicht lang wurde und der Buchweizen keinen Dünger erhielt, war die Not riesengroß. - Da war es der junge Pastor Schliepstein, der auf Mittel und Wege sann, der Not zu steuern. Er veranlaßte bei der preußischen Regierung, daß die Militär - Magazine in Minden geleert wurden und große Mengen Getreide in der Senne zur Verteilung kamen. Natürlich nur in der preußischen Senne.

Ein Teil der preußischen Senne gehörte aber seit je zur Kirche Oerlinghausen, nämlich die frühere Bauerschaft Heeper Senne, die 1813 in den Kanton Brackwede als neue Bauerschaft Senne II aufgenommen worden war. Die Zugehörigkeit zur Oerlinghauser Kirche gefiel dem Pastor Schliepstein keineswegs. Ravensberg und mit ihm das Kirchspiel Brackwede waren lutherisch, die zum Amt Brackwede gehörende Gemeinde Senne II aber war, weil nach Oerlinghausen eingepfarrt, reformiert. Daher beantragte Schliepstein bei der Regierung in Minden, daß Senne II nach Brackwede eingepfarrt würde oder wenigstens einer lutherischen Kirchengemeinde des Kreises angeschlossen werden möge. Und so geschah es auch. Zwar nicht von heute auf morgen. Schliepsteins Kampf um die Umänderung des Pfarrbezirks dauerte 20 Jahre, denn viele Bewohner von Senne II wollten ihrem reformierten Bekenntnis treu bleiben und stimmten gegen die Änderung. Aber schließlich befahl die Regierung und im Jahre 1855 wurde Senne II der neugegründeten Kirchengemeinde Ubbedissen angegliedert. Auch Ubbedissen gehörte bis dahin zur Kirche Oerlinghausen. Im Jahre 1855 verlor also Oerlinghausen die Kirchleute zweier Nachbargemeinden, Senne II und Ubbedissen, was sich wirtschaftlich sehr bemerkbar machte, zumal auch einige Jahre vorher [Fußnote: Gründung von Leopoldshöhe 21. Mai 1850; Einweihung seiner Kirche 12. Oktober 1851.] die neue Gemeinde Leopoldshöhe eine eigene Kirche erhalten hatte und dadurch Bewohner von Evenhausen und anderer kleinen Ortschaften von der Kirchengemeinde Oerlinghausen abgetrennt wurden. 50 Jahre später, am 11. Februar 1905, folgte die Gründung der Kirchengemeinde Helpup.

Eine weitere schlimme Folge der Notzeit von 1825 – 1850 war die starke Auswanderung nach Nordamerika. Wie viele junge, fleißige und wertvolle Menschen hat Oerlinghausen damals an Amerika abgegeben! Nur wenige Familien hier waren es, die nicht ein oder mehrere Mitglieder durch Auswanderung verloren. Es war die Zeit, da unser lippischer Dichter Ferdinand Freiligrath die Verse schrieb: "Ich kann den Blick nicht von euch wenden, ich muß euch anschau'n immerdar. Wie reicht ihr mit geschäft'gen Händen dem Schiffer eure Habe dar!" Von 1820 - 1850 sind schätzungsweise 1 800 000 Seelen dem deutschen Vaterlande entführt worden. Wie viele von Ihnen haben jede Verbindung mit der Heimat verloren! Wie viele sind umgekommen in Wüsten und Prärien! Von einer Schwester und einem Bruder meines Großvaters z.B., die zu verschiedenen Zeiten mit ihren Familien auswanderten, ist niemals wieder eine Nachricht nach hier gedrungen. In wie vielen anderen Familien ging es ähnlich! Es wäre wünschenswert, mal festzustellen, welche Oerlinghauser Familien Angehörige infolge Auswanderung für immer verloren haben. Ich kenne z.B. Fälle aus den Familien Pehle, Tölcke, Hunke, Ebbinghaus.

Wir durchleben heute wieder eine Zeit der schweren Not, und wieder haben viele junge Menschen die Absicht, auszuwandern. Aber es gäbe wohl ein verzerrtes Bild, wollte man die heutige Zeit mit der vor 100-120 Jahren vergleichen. Einmal war die Ursache ganz verschieden. Damals war es die Erfindung der Maschine, die hier die Notzeit heraufbeschwor, also eine Erfindung, die später, nach 1850, die Zivilisation doch gewaltig vorwärtsbrachte. Heute ist es der Wahnwitz eines Mannes, der namenloses Unglück über Deutschland gebracht hat. Zum anderen war damals die Zusammensetzung der Bevölkerung eine gänzlich andere. Deutschland war damals noch ein Agrarland, und Handwerker, Kaufleute, landwirtschaftliche Arbeiter, Heuerlinge bildeten das Hauptkontingent der Auswanderer.

Nach diesen mehr allgemeinen Bemerkungen über die Zeit vor 100 Jahren wende ich mich spezielleren Begebenheiten in Oerlinghausen zu. Da drängen sich folgende Fragen auf: "Was bewegte damals die Gemüter? Welches war der Inhalt der Gemeindepolitik? Wer leitete damals die Gemeindeverwaltung?"

Zum besseren Verständnis muß ich immer von neuem auf die wirtschaftliche Struktur der Gemeinde hinweisen. Oerlinghausen war seit 1760 Sitz eines ausgedehnten Leinenhandels. Von dem Umfang dieses Leinenhandels können wir Heutigen uns kaum den richtigen Begriff machen. Er beherrschte um 1800 das gesamte wirtschaftliche Leben des Dorfes. Ja, man erhält beim Durchblättern der alten Kolonatslisten den Eindruck, als ob es damals in Oerlinghausen fast nur Leineweber, Leinenhopfer und Leinenhändler gegeben hätte und daneben eine stattliche Anzahl Krüger (vergleiche Seite 207 ff). Die letzteren hatten während der Blütezeit des Leinenhandels, d.h. von etwa 1780 - 1830, goldene Zeiten. Wenn die Leinenhopfer zur Mittsommerkirmeß (auf 7 Brüder - Tag) oder zur Martinikirmeß (10. November) von langer Reise nach hier zurückkehrten, hatten sie die Tasche voll Geld. Dann ging es in den Krügen hoch her. Dann wurden Räubergeschichten aus Italien erzählt, dann prahlte man von schönen Deerns in Amsterdam und Kopenhagen, von Abenteuern in der Schweiz, von Überfällen in der Lüneburger Heide und dergleichen; da wurden Dirnenlieder gesungen, und an den Tonbänken wurde um den Thaler gewürfelt. Und des Nachts wurden die friedlichen Bürger aufgeschreckt durch übermütige Schießereien in den Straßen, "durch erschröckliche Kanonaden", wie der Bauerrichter mal berichtet.

Allein die eine Firma J. B. Tölcke kaufte 1800 von den hiesigen Webern für 100 000 Thaler Leinen auf. Das sind 300 000 M oder nach dem heutigen Kaufwert des Geldes wohl über 1 Million DM. Einkauf! Um 1815 hatten die Gebr. Becker, die 1814 die Mangel bauten, fast den gleichen Umsatz. Daneben gab es die Leinenhändler Hölter, die sich die Ehefrau aus Italien holten (die Ehen blieben kinderlos), dann die Kiffe, Niemeyer, Ebbinghaus, Buckup, Horst, Ullrich, Schütte und wie sie alle heißen. Sie alle bauten sich nach 1800 hier Wohnhäuser, z.B. Hauptstraße 9, 22, 24, 30, oder Detmolder Straße 5, 6, 15, 16, 17 und andere.

Bis dann der furchtbare Niedergang der Handweberei durch die Erfindung der Maschine kam. Da sann man darüber nach, nicht, wie dem Gewerbe wieder aufzuhelfen sei, sondern wie dem einzelnen Bürger zu helfen sei. Man schrie nach Garten- und Ackerland, nach Aufteilung des Waldes, der Bergreviere, der Senne, kurz nach Aufteilung der Allmende, der Gemeinheit. Jeder Bürger wollte zu seinem Hause auch noch mehr Garten, einen Holzteil und zum streuen des Stalles seine eigene Heidefläche haben.

Der Gedanke der Aufteilung der Allmende, dieser Jahrtausende alten Einrichtung, war nicht neu und auch nicht auf Oerlinghausen beschränkt. Er bewegte seit Ende des 18. Jahrhunderts die Geister. "Jeder für sich, Gott für uns alle!" - Aber dieser Gedanke trat mit Heftigkeit in Erscheinung, als man glaubte, durch ein paar Scheffelsaat Heide, Holz und Ackerland seinen Besitz fester und sicherer gestalten zu können.

So ging man 1840 auch in Oerlinghausen daran, die Teilung der Allmende und der Bergreviere ins Auge zu fassen. Die Ausführung des Plans war nicht so einfach, wie man es sich gedacht hatte, und es sind 8 Jahre vergangen, bis die Teilung durchgeführt war. Sie war es, die von 1840 bis 1848 die Gemüter hier in stärkstem Maße bewegte. Alle Sitzungen der Gemeindevertretung waren von der Teilung beherrscht. Wenn man die Protokolle des Gemeindevorstands jener Jahre durchliest, stößt man immer auf Dinge, die mit der Teilung zusammenhängen, abgesehen von einigen belanglosen Sachen, wie Beschaffung von Plätzen zum Wäschebleichen, wie Knäweroden, Heckenschneiden, Heideholen u.s.w.

Die Bezeichnung "belanglos" ist vielleicht nicht am Platze. Was uns heute als belanglos erscheint, war es unseren Großeltern und Urgroßeltern durchaus nicht. So z.B. die Anschaffung von 6 neuen Feuerleitern und Feuereimern seitens der Dorfschaft oder die Beschaffung neuer Ketten oder eines neuen Eimers für die Dorfbrunnen. Das waren wichtige Dinge für die Bekämpfung von Bränden, die vor 100 Jahren noch häufiger waren als heute, weil bei den meisten Häusern die Pfannen in Strohdecken lagen und die Giebel aus fugenreichen Brettern bestanden. Das Amt des "Sprützenmeisters" war deshalb sehr wichtig. Es lag bis 1846 in den Händen von Carl Löhr und wurde ab 11. April 1846 seinem Sohn, dem Tischlermeister Fritz Löhr, Hauptstraße 26 (Urgroßvater des Elektromeisters Hans Friedhoff) übertragen. Es gab damals 4 Dorfbrunnen: a) zwischen den Häusern des Vorstehers Julius Schütz und des Chirurgen Kirchner; b) am Weberhause; c) auf dem Pfarrhofe; d) vorm Becker hause. Nun muß man die damaligen Hausbesitzer kennen, wenn man wissen will, welche Brunnen gemeint sind. Gemeindevorsteher Schütz wohnte Hauptstraße 3 (jetzt Georg Reuter); Dr. Kirchner wohnte Hauptstraße 5 (Th. Nagel); das Weberhaus war die spätere Moritz'sche Schmiede, Tönsbergstraße 1; vom Dorfbrunnen auf dem Pfarrhofe steht noch die Sandsteinumrandung neben der großen Linde. Es wäre schön, wenn dort mal wieder ein Brunnen, ähnlich dem an der Apotheke, entstände. Und schließlich der Brunnen am "Beckerhause", das war das Haus Hauptstraße 59 (jetzt August Bauch). Aus diesen Brunnen ist im Laufe der Jahrhunderte oftmals "der Eimer lange Kette" zum Feuerlöschen gefüllt worden, bis die Hydranten der 1912 erbauten Wasserleitung sie überflüssig machten.

Neben dieser Abschweifung komme ich auf die Gemeinheitsverteilung zurück. Zunächst erhebt sich die Frage: Wer erhielt denn Land nach der Teilung? Antwort: Die steuerpflichtigen Bürger, d.h. die Hausbesitzer. Die Einlieger, d.h. die Mieter, waren nicht daran beteiligt, denn sie trugen zu den Dorfsteuern nicht bei, weil letztere nur aus Grund- und Gebäudesteuern bestanden. Man muß dabei berücksichtigen, daß es vor 100 Jahren noch nicht so viele Mieter in Oerlinghausen gab wie heute. Wenn sich Handwerksgesellen hier selbstständig machten, sahen sie in erster Linie zu, ein Haus zu erwerben oder neu zu bauen und darin ihre Werkstatt einzurichten. So lesen wir im Gemeindeprotokoll vom 17. Januar 1846, daß gegen die Aufnahme des Schlüssergesellen Friedrich Adolph Grote aus Horn in den Gemeindeverband nichts einzuwenden sei. Daß das vorgeschriebene Vermögen vorhanden war, mußte vorher nachgewiesen werden. Wir finden Grote dann auch bald als Besitzer des Hauses Tönsbergstraße 2.

Die Hausbesitzer wurden an der Teilung nun so beteiligt, daß zur Hälfte nach der Zahl ihrer Häuser, zur Hälfte nach der Menge ihres Viehs verteilt wurde. Die Teilung geschah durch das Los - so heißt es wörtlich - "auch wenn jemand mehrere Stätten besitzt, für jede Stätte gezogen." Mit anderen Worten: Wer viel Kühe besaß, erhielt viel Land; wer nur eine Ziege hatte, erhielt ¼ Kuh - Land. Oder: "Wer hat, dem wird gegeben."

Wir schütteln heute den Kopf über diese nach unserer Ansicht ungerechte Art der Verteilung öffentlichen Vermögens, müssen aber nicht außer Acht lassen, daß dieser Verteilungsmodus von der gesamten Bürgerschaft in öffentlicher Dorfversammlung als der allein richtige und gerechte angesehen und beschlossen wurde.

Mit der Vermessung der einzelnen Parzellen wurde der Geometer und Forstsekretär Steneberg aus Detmold beauftragt. Er erhielt für diese Arbeit 2 Mariengroschen je vermessener Scheffelsaat (1 Scheffelsaat = 1717 qm). Die Pfähle für die Kennzeichnung der Grenzen lieferte die Dorfschaft. 

Nun kam zur Vermessung noch die schwere Aufgabe der Bonitierung. Der Boden war nicht überall gleichmäßig gut oder schlecht. Er mußte in Wertklassen eingeteilt werden. Für diese Bewertung wurden Leibzüchter Löwe in Greste, Kolon Ober in Oetenhausen, Gutsbesitzer Busse in Iggenhausen und Landtaxator Griemert aus Wellentrup gewonnen. Wenn man z.B. bei der Teilung der Senne im oberen Teil je Anteil 4 Scheffelsaat rechnete, so gab es im unteren Teil der Senne 5 Scheffelsaat je Anteil. Das war gewiß eine recht umständliche und zeitraubende Arbeit. Sie schritt nur langsam fort, und die Bürger wurden ungeduldig. Sie wollten auf ihre Anteile nicht länger warten. Mißtrauen wegen der bisherigen Arbeit des Dorfvorstandes wurde gesät, und als dieser noch mit allerlei Strafen vorging wegen unberechtigten Heidemähens und sich mehrender Holzdiebstähle, wurde die Unzufriedenheit so groß, daß 1844 die gesamte Gemeindevertretung neu gewählt wurde. Der bisherige Ortsvorsteher F.C.F. Hildebrand [Fußnote: Ein Sohn des 1835 verstorbenen hiesigen Pastors Ernst Friedrich Ferdinand Hildebrand und der Henriette, geborene Kracht (siehe Mitteilungen aus der lippischen Geschichte II, Seite 170).], Hauptstraße 24, der hier ein Kolonialwaren- und Textilgeschäft betrieb, mußte zurücktreten. An dessen Stelle traten ab 1. Januar 1845 die 3 Vorsteher Julius Schütz, Hauptstraße 3, Kaufmann Tölke, Hauptstraße 74 und Steinhauer Reuter (später Hermannstraße 26), sowie die Deputierten Leinenhändler Christoph Hölter, genannt "der Italiener" oder auch "Pudelörken" nach seinem alten treuen Begleiter, einem aus Italien mitgebrachten Pudel, ferner Leinenhändler Heinrich Becker, Kaufmann A. Buckup und W. Tellmann, Hauptstraße 31.

Unter dem neuen ersten Vorsteher Schütz begann eine Zeit fruchtbarer und gewissenhafter Arbeit. Schütz war Rentmeister bei Friedrich Ludwig Tenge in Niederbarkhausen gewesen und führte nun die Verwaltung des Dorfes in wahrhaft vorbildlicher Weise. Es ist noch heute ein Vergnügen, die von ihm gefertigten Protokolle und Urkunden zu lesen. Als er nach 8-jähriger Amtszeit 1852 sein Amt niederlegte, waren die Finanzen der Dorfschaft gefestigt und Kasse und Akten in tadelloser Ordnung. Er schied unter dem Bedauern der gesamten Bürgerschaft und verzog nach Lage. Wenn wir das Oerlinghausen vor 100 Jahren betrachten, dann müssen wir dieses vortrefflichen Beamten, dieses gewissenhaften und erfolgreichen Sachwalters der Gemeindeinteressen in erster Linie gedenken [Fußnote: Schütz war seit 1855 Ziegler - Agent in Lage.Vergleiche Müller, Das lippische Zieglergewerbe - Detmold 1923 Seite 28 f.]. Unter seiner Amtsführung ist die Teilung der Allmende und der Bergreviere zur Zufriedenheit aller Beteiligten zu Ende geführt worden.

Ich mache hier absichtlich einen Unterschied zwischen Allmende und Bergrevieren. Die Bergreviere, d.h. der Wald, gehörte nicht zur Allmende, sondern der Wald war seit je in Besitz der uns umgebenden Meierhöfe Barkhausen, Menkhausen und Wistinghausen und ist es ja zum größten Teil noch heute. Das stammt noch aus sächsischer, vielleicht sogar noch vorsächsischer Zeit. Zwar hatten die Oerlinghauser "Eingesessenen" in den sogenannten Hinterbergen das Recht auf das Fall- und Leseholz und auf die Mast, d.h. sie durften die durch Sturm gefällten Bäume und Zweige sammeln und ihre Schweine zur Eichel- und Buchelmast in die Wälder treiben; aber sie durften eigenmächtig "nicht den geringsten Heister" abhauen und mit sich nehmen. Der Wald blieb Eigentum der Meierhöfe.

Nur der Tönsberg und die bewaldeten Knäppe der "Welschen - Egge" wurden anläßlich der Teilung dem Besitzer des Meierhofes Barkhausen nach langwierigen Verhandlungen für 6000 Thaler abgekauft und dann an die Bürger aufgeteilt. So ergab sich das heutige buntscheckige Bild der vielen einzelnen Holzteile des Tönsberges und des Welschentals. Nur die Tönsbergparzelle mit der Windmühle ist im Besitz von Barkhausen geblieben (siehe Seite 181).

Nun hatte die Dorfschaft 6 000 Thaler Schulden. Sie sind aber schnell abgedeckt worden durch Verkauf von Grundstücken am Kalderberge und in der Steingrube. Die "Steingrube" ist das Gelände zwischen Apotheke, Ziegenbrink und Hermannstraße, also heute der Webersche Park und die Häuser Hermannstraße 15 und 17. Der erste Bauplatz am Kalderberge wurde 1846 von der Dorfschaft an Dr. Caspari verkauft, der dort das Haus Detmolder Straße 18 erbaute, das später an Geometer Altenbernd und durch Erbschaft an Lehrer Deppe überging. Es gehört heute Frau Witwe Richard Müller, Detmolder Straße 20.

Oberhalb des Caspari'schen Grundstücks entspringt ein Wässerchen, das früher in Beckers Wiese (jetzt Garten Carl Hahn, Detmolder Straße 21) abfloß. Dies Wasser ist vor 100 Jahren in Röhren geleitet und zur Speisung des gleichzeitig angelegten Bassins am Gehrenberg verwandt worden. Den Auftrag zur Anfertigung der hölzernen Röhren oder Pipen erhielt am 18.12.1847 der Meister Fritz Löhr für das Mindestgebot von 10 Thalern und 25 Silbergroschen für je 100 Fuß rheinischen Maßes. Schuhmachermeister August Löhr, Hauptstraße 26, hat mir anschaulich geschildert, wie sein Vater 4 Monate lang mit seinem Gesellen die langen Kiefernstämme durchbohrt hat und wie dann die fertigen Pipen an der Amtsgartenmauer entlang lagerten, bis der Graben für die Wasserleitung fertig gewesen sei. Im ganzen waren es 2 200 rhein. Fuß Röhren, und Meister Löhr erhielt dafür den akkordierten Lohn von 238 Thalern und 10 Silbergroschen am 18.4.1848 aus der Dorfkasse. Viele von uns werden sich noch erinnern, daß wir beim Bau der Kanalisation im Sommer 1931 auf diese zum Teil gut erhaltenen Pipen stießen.

Ich komme nochmals auf die Teilung zurück. Da waren einige Kolonatsbesitzer der Gemeinde Senne (jetzt Lipperreihe), die mit der Teilung nicht einverstanden waren und alte Huderechte in der Oerlinghauser Senne geltend machten. Diese Huderechte stammten aus der Zeit, als die Gemeinde Lipperreihe noch ein Bestandteil der Gemeinde Oerlinghausen war. Mit ihnen wurde ein Vergleich dadurch geschlossen, daß ihnen Senneparzellen als Eigentum überlassen wurden. Daher kommt es, daß noch heute mehrere Bewohner der Lipperreihe Besitzer von Senneteilen in Oerlinghausen sind.

Mit einem anderen Hudeberechtigtem entstand ein langer Prozeß, nämlich mit dem Schenkwirt Lübbertsmeier, der seit 1810 hier, Hauptstraße 53, wohnte. Er galt als Querulant und ging auf keinen Vergleichsvorschlag des Dorfvorstands ein. Die Prozeßakten Lübbertsmeier bilden ein dickes Paket des Stadtarchivs, sie erstrecken sich auf einen Zeitraum von 20 Jahren, und man versteht heute nicht mehr, wie man um solcher Hude-rechte, d.h. das Recht zum Hüten von Kühen in der Heide der Senne, derartig langwierige und kostspielige Prozesse führen konnte. Lübbertsmeier verkaufte 1863 sein Haus an die Brüder Paradies, Söhne des Kaufmanns Samson Jacob Paradies (Hauptstraße 41), die darin eine Zigarrenfabrik (siehe Seite 221) anlegten. Sie verzichteten auf die Kruggerechtigkeit (Wirtschaftskonzession), die in dem Hause seit 1618 gewesen war (vergleiche Seite 66 und 69). Das Haus ist von dem Vogt Johann Barkhausen im Jahre 1600 erbaut worden und hieß später, als Johann Bracht Vogt geworden war, "zum alten Vogt".

Neben dem Hause, zwischen Hauptstraße 51 und 53, führt eine Treppe zum Berge, der sogenannte "Schneiderbrink". An diesem Brinke lagen früher zwei kleine Wohnhäuser, jetzt Garten Meseke, Hauptstraße 51, und Kobusch, Hauptstraße 47; in einem dieser Häuser, das in den Ostertagen 1945 durch Artilleriebeschuß amerikanischer Truppen zerstört wurde, wohnte der Schneider Hilbrink. Vielleicht hat dessen Vorfahr, der ebenfalls Schneider war, dem Brinke zu seinem Namen verholfen. Der Schneiderbrink, vorher ein steiler, unbequemer Schotterweg, wurde 1847 zu einer Treppe umgestaltet. Im Gemeindeprotokoll heißt es darüber:

"..... dergestalt, daß dieser Brink in einer Breite von etwa 6 Fuß abgesetzt, an einer Seite mit einer Gosse, an der anderen mit einem einfachen Geländer versehen werden soll. Sodann erhält der Schneiderbrink verschiedene Absätze und Tritte, welche mit Kalkstein abgesetzt und dann gepflastert werden..... Es ist zu hoffen, daß die Kosten meist durch freiwillige Beiträge aufgebracht werden. Soweit dieses nicht der Fall, trägt die Dorfschaft den Rest der Kosten umsomehr als offenbar ein gemeinsames Interesse besteht. Die Deputierten Ullrich und Gröppel übernehmen auch hier, wie bei der Hauptstraße, die Aufsicht:“

Es kamen 20 Thaler freiwillige Beiträge zusammen.

Ich finde in diesem Protokoll zum ersten Mal die Bezeichnung "Hauptstrahse". Der Name ist also jetzt mindestens 100 Jahre alt. In älteren Akten ist immer nur von der "Straße" die Rede. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, daß es in Oerlinghausen früher keine "Wege" gab, sondern nur Straßen, plattdeutsch "strode". Es gab die Barker Strode = Barkhauser Straße, de Siuernstrode = Südstraße, de suijen Strode = Niedernstraße, de Göddernstrode = Gossenstraße von göddern = gießen bei Regenfällen. Was wir heute als Weg bezeichnen, ist neueren Datums. Früher sagte man für Wege Patt oder Pättken. Die Straße "Welschenweg" und "Triftweg" sind nach 1919 so getauft worden. Uralt dagegen sind die Bezeichnungen "Im Welschen" oder "Welsche Egge", ferner "Unter der Howe", "Im Boksiek", "Gehrenberg", "Im Piper" und "Kuhtrift". Schmale Steige nannte man "Twete" = "Zwischen zwei Hecken oder Hagen". Das aufsteigende Gelände war der "Brink", und der Bewohner eines Hauses am Brink war der Brinkbesitzer oder "Brinksitzer". Wir haben in Oerlinghausen den Ziegenbrink, der von den Häusern Detmolder Straße 12 - 16 bis zur Hermannstraße reicht; den oben erwähnten Schneiderbrink und den früher viel genannten "Kattelbrink", den man um 1800 "Köttelbrink" nannte. Ich vermute, daß der Name von dem altsächsischen "kattel", englisch "cattle" = Rinderherde stammt, daß es sich beim Kattelbrink um die Rindviehweide handelte. Es ist der Brink zwischen Gehrenberg und Tönsbergstraße, also das Gelände oder der Abhang hinter den Häusern Hauptstraße 39 bis 47. Dieser Brink hat sogar dem früheren Besitzer des Kolonats Nr. 9, Hauptstraße 243, H. Köttelbrink (1721: Köttelbrink, ein Hoppenplöcker) den Namen gegeben.

Vor kurzem habe ich der Stadtverwaltung vorgeschlagen, den Weg, der beim Hause Hermannstraße 23 rechts zum Tönsberg abzweigt und zu den seit 1925 stillgelegten Sandsteinbrüchen führt, "Buchenstraße" zu nennen, weil an diesem Wege früher die beiden mächtigen Buchen standen, die dem Gelände das Gepräge gaben, das Landschaftsbild beherrschten und eine Zierde der Gegend waren. In den Katasterkarten finden wir dafür noch heute die Flurbezeichnung "Unter der Buche". Als bei der Teilung auch dies Gelände in einzelne Parzellen aufgeteilt wurde, sollten die Buchen, weil sie nicht in den Plan paßten und als Hindernis für die Feldbestellung angesehen wurden, verschwinden. Assessor Meyer vom hiesigen Amte (siehe Seite 86/87) bat in einer dringenden Eingabe, die Buchen als eine weithin sichtbare Zierde des Dorfes doch stehen zu lassen oder man möge ihm das Gelände mit den Buchen verkaufen. In der Sitzung vom 9. Dezember 1845 wurde sein Antrag verlesen. Im Sitzungsprotokoll heißt es: "Indess waren der Vorstand und die Deputirten der Ansicht, daß darauf nicht könne eingegangen werden." Also fielen die stattlichen Bäume vor 100 Jahren der Axt zum Opfer. Es scheint mir, daß die damalige Gemeindevertretung überhaupt nicht allzuviel Sinn für ideale Aufgaben hatte. Das zeigt auch das folgende Beispiel:

Am 15. Dezember 1846 richtete der hiesige Küster F. Lüdeking folgende Eingabe an den Dorfvorstand:

"..... betrübend ist gewiss die Erfahrung, dass so viele junge Leute nach ihrer Confirmation sich durchaus keine Mühe geben, sich weiter fortzubilden. Höchstens sind einige noch darüber aus, irgendein Handwerk zu erlernen, wovon sie in der Folge ihr Brod zu haben gedenken. Alle geistige Bildung wird gewöhnlich verabsäumt. Wenn ich darüber nachdachte, wie solchem Übel möchte abzuhelfen sein, so kam mir immer wieder zweierlei in den Sinn, was geschehen müsse.

1. Wir müssen eine Dorfbibliothek haben, d.h. eine Sammlung von guten und passenden Büchern, die der unbemittelten umsonst - und anderen gegen eine angemessene Vergütung geliehen würden.

2. Wir müßten eine Sonntagsschule einrichten, worin Männer vom Fache jedem, der Lust hätte, sich noch im Lesen, Schreiben, Rechnen und Zeichnen, in der Völker- und Länderkunde weiter auszubilden unentgeldlich Unterricht ertheilen.

Seit dem 1. Mai ist, wie bekannt, mit beidem der Anfang gemacht. Die Sonntagsschule wurde bis heute unausgesetzt jeden Sonntag gehalten von 2-5 Uhr des Nachmittags und in der Sommerzeit jedesmal von 30-60 besucht; seit 1. November kamen jeden Sonntag 70-97. So ist auch mit der Dorfbibliothek ein Anfang gemacht seit Anfang Mai d.J., die jetzt schon 100 und etliche Bücher zählt. Da es aber sehr zu wünschen, immer wieder zu neuem Gelde zu kommen, um noch andere gute Bücher anschaffen zu können, so bin ich auf den Gedanken gekommen, bei unserm löbl. Ortsvorstande in Vorschlag zu bringen, desselbe möge zu einem Unternehmen, das doch zunächst zum Nutzen und Frommen des Dorfs Oerlinghausen ins Leben gerufen ist, jährlich etwa 5-10 Thaler hergeben zur Erhaltung und Erweiterung unserer Bibliothek. Im Fall, dass solches bewilligt würde, könnte die ganze Bibliothek angesehen werden als Eigenthum des Dorfs Oerlinghausen und mit unter Aufsicht des Ortsvorstandes gestellt werden. In der Erwartung einer geneigten Antwort---Ihr Küster

F. Lüdeking"

Es folgen die Statuten mit den Unterschriften:

Superintendent Volkhausen, Gehülfsprediger Krecke, Vorsteher Schütz, Kaufmann C. Tölke, Steinhauer Reuter, Cantor Steinhagen, Colon Ober, Colon Pollmann, Gastwirt Nagel und Lüdeking als Schriftführer und Buchverwalter.

Der Antrag wurde abgelehnt mit der Begründung, daß für diese Zwecke keine Mittel im Etat vorgesehen seien.

Die Bibliothek bestand weiter und blieb auf freiwillige Spenden angewiesen. Sie ging später an die Schule über. Küster Lüdeking blieb ihr treuer und eifriger Verwalter, während Kantor Steinhagen die Spinnschule betreute (siehe Seite 275). Mit der Fortbildungsschule, genannt Sonntagsschule, war es also vorläufig auch noch nichts. Sie ist erst 1894 ins Leben gerufen, als die Zeit dafür reif geworden war. 50 Jahre vorher war es eine private Einrichtung, die sich nicht lange hielt.

Der Dorfvorstand hat damals etwas anderes Gutes geschaffen: Das Straßenpflaster der Hauptstraße wurde 1847 erneuert und erweitert. Die Strecke vom Jägerhause bis zum Brachtschen Schloß erhielt nun ein Kopfsteinpflaster. Zur Deckung von Zinsen und Amortisation der dadurch entstandenen Kosten wurde ein Pflastergeld erhoben. Diese Erhebung wurde meistbietend verpachtet. Pächter des Pflasterzolls war bis Dezember 1947

Wirt Nagel, Hauptstraße 68 [Fußnote: Das Haus, zuletzt im Besitz der Witwe Otto Elbracht, ist Ostern 1945 durch Artilleriebeschuß amerikanischer Truppen zerstört worden. Es wurde bis heute (Juli 1949) noch nicht wiederaufgebaut]. Nagel hatte aber ein Haar darin gefunden: Er wurde nachts zu oft herausgeklopft und manches Fuhrwerk benutzte auch die steile Tönsbergstraße. Ab Dezember 1847 übernahm der Wirt des Jägerhauses, Adolph Reuter, die Erhebung. Er hatte am 26. September 1847 geheiratet und die Wirtschaft des Jägerhauses mit einem kleinen Kolonialwarenladen übernommen. Das Geschäft, 1863 nach Hauptstraße 3 verlegt, besteht also seit über 100 Jahren.

Tagsüber wurden die Fuhrleute, die das Pflastergelds zu entrichten hatten, durch große Tafeln auf die Zahlungspflicht hingewiesen. Nachts waren Haupt- und Tönsbergstraße durch hohe Schlagbäume gesperrt. Bei dem starken Fuhrverkehr der noch eisenbahnlosen Zeit mußte der Wirt oft aus dem Bette, um den Groschen Pflasterzoll zu erheben. Oder er rechnete damit, daß die Fuhrleute nicht nur den Groschen zahlten, sondern auch bei ihm einkehrten, um einen Schluck zu trinken oder um ihrer Frau Zucker oder Päcksken [Fußnote: So hieß allgemein das Paket Zichorie, der billige Kaffeeersatz.] mitzubringen. Die Einrichtung des Pflastergeldes bestand bis 1855 und fiel fort, weil sie allgemein als ein Verkehrshindernis angesehen wurde und auch keine wesentliche Einnahme für die Dorfkasse mehr bildete. Im übrigen ging auch die "eisenbahnlose Zeit" langsam zu Ende und die schwerbeladenen Planwagen, die ihre Ware nach dem Westen und Süden des Landes brachten, wurden allmählich weniger, denn 1847 wurde die Köln - Mindener Bahn gebaut. Viele arbeitslose Weber, auch aus Oerlinghausen, fanden beim Bau der Strecke Bielefeld - Herford Beschäftigung. Der Viadukt bei Schildesche, ein für damalige Zeit gewaltiges Bauwerk, war Sonntags das Ziel vieler Neugieriger. Der alte Leinenhändler und langjährige Beigeordnete Fritz Becker, Hermannstraße 7, geboren 1830, gestorben 1915, hat mir erzählt, wie er als Lehrling oft nach Schildesche gepilgert sei, um das Fortschreiten des Viaduktbaus zu verfolgen und wie dann ganze Schulklassen die Schule geschwänzt hätten, um die ersten Eisenbahnzüge zu sehen. Mit dem Bau dieser Eisenbahn begann eine neue Zeit. Die Dampfmaschine kam und mit ihr die industrielle Entwicklung. Der Industriearbeiter trat auf den Plan und mit ihm die Arbeiterbewegung. Im nahen Bielefeld gründeten 1851 die Brüder Bozi die Spinnerei Vorwärts mit 5 000 Spindeln. 1854 folgte die Ravensberger Spinnerei A.G. mit 5 000 Spindeln und 1862 die Bielefelder Aktien - Gesellschaft für Mechanische Weberei. Die Maschine hatte gesiegt. Nur diesen 3 Gründungen ist es zu verdanken, daß das Bielefelder Leinengewerbe sich aus der furchtbaren Krise der 40er Jahre hinüberrettete in die neue Zeit. Aus der Leinenindustrie entstand die Bielefelder Wäscheindustrie und als notwendige Folge die Packpapier- und Kartonagefabriken und schließlich die bedeutende Nähmaschinenindustrie. Aus ihr erwuchs später der Fahrradbau und andere eisenverarbeitende Betriebe. Alles Folgen des vor 100 Jahren begonnenen Eisenbahnbaus und der Einführung der Dampfmaschine.

Nach Oerlinghausen kam damals die Maschine leider nicht. Von den alten Leinenhändlern fand sich niemand, der den Schritt zur mechanischen Weberei wagte. Erst 1903 ist hier die Weberei gebaut worden (siehe Seite 280). Und doch bedeutete die Zeit um 1850 eine Wende auch für Oerlinghausen, denn durch die nahe Eisenbahn wurde im ganzen der allgemeine Verkehr mächtig gehoben. Jedes Verkehrsmittel zieht den Verkehr hinter sich her. Das beobachteten wir beim Einsatz der ersten Pferdeomnibusse von hier nach Bielefeld und das beobachten wir gerade heute bei den zahlreichen Autobuslinien nach Bielefeld, Detmold, Salzuflen und Paderborn; sie alle werden benutzt und rentieren sich.

Um 1850 verbesserte auch die Post ihren Betrieb, denn Brief- und Paketbeförderung nahmen zu jedermanns Verwunderung gewaltig zu und auch immer mehr Personen benutzten die Postkutschen, so daß Posthalter Gröppel (Hauptstraße 12) seinen Pferdebestand vermehren mußte. Seit 1840 war hier der Apotheker Melm Postexpeditor, von 1845 an erster thurn- und taxischer Beamter (siehe Seite 200). Man trug seine Briefe damals zur Apotheke. Die Briefe für die Landbevölkerung wurden Sonntags nach der Kirche durch den Apothekenknecht von der Treppe ausgerufen. War der Empfänger nicht anwesend, so meldeten sich Nachbarn, die den Brief mitnahmen. Nach 1847 wuchs der Postverkehr erheblich. Das geht in etwa aus einer Eingabe Melms an den Dorfvorstand hervor, worin er 1847 die Klage des Posthalters Gröppel weitergibt, der sich darüber beschwert, daß seine Postwagen beim Wenden vor der Apotheke fortwährend gehindert werden durch allerlei Gerümpel, Holzblöcke, Erdhaufen, Wagen, Karren und dergleichen, welche der Händler Meier Heilbronn vor seinem Hause stapelte und zwar weit bis auf die Straße und das der nebenan wohnende Kaufmann Böhmer den Platz vor seinem Hause sogar mit Pfählen und Bäumen bepflanze, obschon beide Plätze doch - wie allgemein bekannt - Eigentum der Dorfschaft seien. Er bittet um sofortige Abhilfe, da er sonst seine Wagen nicht mehr wenden könne und der Verkehr litte. Was sollte Vorsteher Schütz machen? Er sah ja selber von seinem Fenster aus täglich den Schmutz und das Gerümpel vor Heilbronns Hause. Es war das Haus, das im September 1890 abbrannte, jetzt Hauptstraße 4 und 6. Heilbronn hat ihm versprochen, den Zustand zu ändern und sich zu bessern. Böhmer dagegen war hartnäckiger. Er behauptete, daß der Platz von seinem Vorgänger, dem nach Amerika ausgewanderten Schuhmacher Pehle, schon immer in Anspruch genommen sei. Der Platz gehöre seit je zum Schlingkruge. Mit Böhmer kam nach längerem Verhandeln ein Vergleich zustande. Die Bäume sind von dem späteren Besitzer des Schlingkruges, H. Bremer, Hauptstraße 2, entfernt worden. Bremer erwarb den Schlingkrug im Jahre 1883. Er heißt heute im Volksmund "Bremerhafen". Der Name Schlingkrug rührt her von dem Schlinge (Schlagbaum), der früher das Meßdohr an der jetzigen Marktstraße abschloß.

Da der Postverkehr sowohl infolge der aufgekommenden Zigarrenindustrie, als vor allem infolge des starken Paketversandes der Firma Carl Weber & Co. von Jahr zu Jahr wuchs, ließ Melm in den Jahren 1856 - 1859 mit erheblichen Kosten an der Westseite der Apotheke einen Anbau ausführen zwecks Gewinnung einesgeräumigen Postlokals. 1865 aber, nach Melms Tode, wurde ein Hauptamtlicher Postexpeditor in der Person von F. W. Martheus aus Rischenau angestellt. Dieser verlegte die Post in das Haus des Leinenhändlers Hölter, Detmolder Straße 6 (jetzt Westflügel des Kontorgebäudes der Firma Carl Weber & Co.) und ab 1.4.1869 in das von Festing erworbene Haus Detmolder Straße 15 (jetzt Petram) [Fußnote: Vergleiche auch Ludolph, Postgeschichte des Landes Lippe, Detmold 1928, Seite 210 ff.]. Hier ist das Postamt 37 Jahre lang gewesen bis 1. April 1906, als Oerlinghausen infolge seines Verkehrsaufschwungs im Postamt 2. Klasse geworden war und das neue Postgebäude Bahnhofstraße 13/15 durch Maurermeister Fr. Stücke fertiggestellt war.

Das war alles viel später, aber es wurde eingeleitet durch die Wende vor 100 Jahren.