Oerlinghauser Postwesen in alter Zeit

Erinnerungen aus der Zeit vor und nach der Jahrhundertwende

 

Zur Zeit des lippischen Grafen Simon Heinrich, dem auch die holländischen Besitzungen Vianen, Ameyden und Utrecht unterstanden und der deshalb dorthin einen lebhaften Verkehr unterhielt, es war um 1693, wurden die Oerlinghauser Leineweber zu diesen „Briefträgern der Post" von Detmold bis Bielefeld stark herangezogen. Nun hatten aber Hausweber für jeden Webstuhl eine hohe Abgabe, den sogenannten „Wörketowen", zu entrichten. Als Entschädigung für das Brieftragen wurde ihnen die Hälfte des Stellgeldes erlassen.

Eine regelmäßige Postverbindung zwischen Bielefeld und Detmold erhielt Oerlinghausen erst im Jahre 1774. Hier wurde eine Posthalterei mit Pferdewechsel durch die Posthalter Becker und Gröppel (Besitztum Gronemeier, Schulstraße) eingerichtet. Später übernahm Brathuhn die Posthalterei, der zeitweise 9 Pferde und 3 Postillone hielt.

Bevor es zu der Einrichtung einer Postanstalt kam, besorgte ein gewisser August Kramer aus der Wehme (Pfarrstraße), genannt „Postjüsken", mit seinem Esel, der mit 2 Tragkörben ausgerüstet war, eine wöchentliche mehrmalige Verbindung mit Detmold. Erst am 1. Juni 1840 wurde eine Postexpedition in der Apotheke ins Leben gerufen. Melm wurde Postexpeditor. Die Briefe wurden in der Post ausgegeben oder sonntags nach dem Gottesdienst vor der Apotheke ausgerufen. So kamen auch die Auswärtswohnenden zu ihren Briefen. Eine Landbestellung gab es nicht. Diese wurde erst 1859 eingerichtet. Der Landbezirk war sehr groß. Er umfasste die Gemeinden Leopoldshöhe bis 1881, Kachtenhausen bis 1894, Asemissen bis 1899, Helpup bis 1913 und Lipperreihe bis 1952.

Die Landbriefträger kannten keinen 8-Stunden-Tag. Von morgens 11 Uhr bis abends 9 oder 10 Uhr waren sie unterwegs. Der erste Zusteller war ein Fritz Bahle, der 15 Jahre lang diesen schweren Dienst verrichtete. Sein Nachfolger war Fritz Schütte, der mit seiner ganzen Familie bei dem furchtbaren Brand (1887) des Hillbrinkschen Hauses Böger am Gehrenberg ums Leben kam. Nur der älteste Sohn, Fritz, der zufällig in der Fremde als Bäcker weilte, entging der Tragik.

Am 1. Oktober 1845 trat Preußen vom Postvertrag zurück und überließ Thurn und Taxis die Postgerechtsame, behielt aber die tägliche Personenpost zwischen Oerlinghausen und Bielefeld gemeinsam mit Taxis bei. 1857 baute Melm ein Postlokal an der Apotheke. Der aufblühende Leinenhandel steigerte den Postverkehr, sodass nach dem Tode Melms als Fachmann der Postexpediteur Martheus aus Rischenau die Expedition übernahm. Er verlegte diese zunächst in das Haus des Leinenhändlers Hölter, Detmolder Straße 6, und dann durch Ankauf in das Haus Detmolder Straße 15 (s. Bild!), wo sie bis zum Jahre 1906 nach vielen Umbauten verblieb. Die neue Post (Eigentum des Bauunternehmers Stücke) wurde am 1. April 1906 bezogen.

In der Taxiszeit hatte Oerlinghausen zweimal täglich eine Postkutschenverbindung nach Bielefeld und Detmold. 1873 kam noch eine Verbindung nach Schloß-Holte hinzu. Mit der Eröffnung der Eisenbahnlinie Herford-Detmold endeten die Personenposten nach Detmold in Lage. Als am 1. Oktober 1903 die Eisenbahnstrecke Lage — Oerlinghausen und genau ein Jahr später Oerlinghausen — Bielefeld eröffnet wurde, fielen die Personenposten aus. Damit hatte die Postkutsche und das fröhliche „Tara" der Postillone für immer ein Ende gefunden. Fast 150 Jahre kündeten die Postillone durch Hörnerklang den Bergbewohnern die Ankunft der Post aus beiden Richtungen an. Wie oft haben wir Kinder, sobald die Postkutsche die „Judennase" erreichte und der Kutscher „Die Post im Walde" in sein Horn schmetterte, mitgesungen: „Die Post von Bielefeld, hat mir was mitgebracht, aber kein Geld!"

Am 30. September 1904 fuhr die gelbe Postkutsche zum letzten Mal nach Bielefeld. Die Pferde waren sehr unruhig, stampften mit den Füßen, wieherten und bewegten die mit bunten Bändern geschmückten Häupter. Auf dem Bock saß der letzte Postillon, Sander, mit umgehängtem Horn. Als letzter Fahrgast war Frau Lindemeyer eingestiegen.

 

Dkm.