Wandervorschlag Nr. 74 Rings um den Tönsberg
Gustav Wiemann
WEG UND ZEIT
Oerlinghausen Hauptstraße — Auf dem Berge — Piperweg am Südhang des Tönsberges — Naturfreundehaus — Wistinghauser Schlucht — Nordhangweg — Pfeifengras: 7 km in knapp 2 Stunden.
DIE WANDERUNG
„Ankhiusen” Tönsbergstadt, alte Osningsiedlung in einem Quertal des Gebirges, Standort eines archäologischen Freilichtmuseums, Segelfliegerstadt, ehemalige Leineweberei, Windmühlenstumpf im Wappen... Das sind nur ein paar Kennzeichen dieser Bergstadt im Teutoburger Walde. Ihre Ausstrahlung zog schon immer Wander- und Heimatfreunde an; aber ein weiteres Merkmal ist heute hinzugekommen, und es wird immer wieder hervorgehoben: Parkplätze und Haltestellen mitten in der Stadt, sodass man keine Anmarschwege hat und gleich loswandern kann. Und die Parkplätze reichen sogar an ganz großen Festtagen, wie z. B. zur 950-Jahr-Feier im Jahre 1986, wenn gleichzeitig noch das 60-jährige Stadtjubiläum gewürdigt wird.
Heute empfehle ich die Omnibushaltestelle (H) an der Ravensberger Straße und die Parkplätze daselbst (P) und gleich nebenan hinter dem Postamt. Von dort folgen wir der Hauptstraße — der Verlängerung der Detmolder Straße — bis zur Abzweigung der Tönsbergstraße, die uns mit mäßiger Steigung um den Westflügel des Oerlinghauser Hausberges herumführt, bis wir unvermittelt den hohen Turm der ehrwürdigen Stadtkirche (Abb. 1) dicht vor uns haben. Hier in der Straßenkehre (I) lädt eine Verkehrsinsel zu kurzem Aufenthalt ein, um zunächst einmal die gelungene Anlage mit der schönen Linde in der Mitte und den Ruhebänken ringsherum, sodann aber den guten Ausblick nach W gebührend zu würdigen.
Unsere Wanderung kann aber ebenso gut in der Rathausstraße beginnen. Auch da gibt es Haltestellen (H1) und auf dem Marktplatz hinter dem Rathaus viele Parkplätze (PI). Nach Belieben kann man den eben skizzierten Tönsberganstieg oder einen etwas kürzeren über die Jägerstraße wählen. Die beginnt gleich neben der Hirsch-Apotheke, wo auch die „Himmelsleiter” ihren Anfang hat, der bekannte Treppenaufstieg zum Tönsbergkamm, der für einen späteren Wandervorschlag reserviert bleiben soll.
Die Jägerstraße indessen kreuzt die Hermannstraße und geht weiter durch die große Tor-Unterführung einer ehemaligen Möbelfabrik. So konnte damals die Produktion oben weiterlaufen und unten der Straßenverkehr. Zugegeben, keine städtebaulich oder ästhetisch optimale Lösung, aber ganz gewiss etwas Seltenes! Von der Hauptstraße betrachtet eher wie Oerlinghausens große Festung hoch oben am Tönsberg! Dieser „Torbogen-Aufstieg” führt schließlich auch zum „Lindeneck” — wie ich die Ruhe- und Aussichtsinsel (1) nennen möchte — wo sich die Jäger- und Tönsbergstraße „Auf dem Berge” vereinigen.
Von dort wandern wir nun nicht den Kammweg, sondern den Hangweg auf gleicher Höhe nach dem Hinweisschild zum Bielefelder Naturfreundehaus. Das mehrfach erweiterte und renovierte große Gebäude hoch oben ist die Jugendherberge. Auch den Lönsweg (2) lassen wir links liegen, denn er führt als schmaler, allerdings sehr schöner Wanderpfad zum Kamm hinan. Wir aber wollen heute ja den drei Kilometer langen Tönsberg ganz umrunden.
Bald mündet von unten der „Brachtshof” (3) auf unsere Wanderroute, die nun als Piperweg durch ein exklusives Wohngebiet am Südhang des Tönsberges läuft. Herrliche Villen liegen auf beiden Seiten der Straße. Jeder Besitzer hat hier einen Platz an der Sonne und eine unvergleichliche Aussicht — aber auch eine große Verantwortung; denn der enge Kontakt zum Erholungsgebiet der Allgemeinheit verpflichtet ihn zur äußersten Rücksichtnahme auf das sensible Landschaftsschutzgebiet gleich hinter dem Hause oder nur ein paar Schritte entfernt. Er weiß, dass hier die belebte Natur viel empfindlicher reagiert auf Belastungen durch festen oder flüssigen Abfall, durch Luftverschmutzung oder Lärm als irgendwo sonst im Stadtgebiet.
In den Baulücken öffnet sich immer mal wieder der reizvolle Ausblick auf die tiefe Oerlinghauser Schlucht zwischen dem Menkhauser Berg im W und den Barkhauser Bergen auf der Ostseite. Dort pulsiert der geschäftige Verkehr auf der Holter Straße — der Landstraße L 751 — zum Ortsteil Lipperreihe und zur Bundesstraße B 68 von Schloß Holte-Stukenbrock nach Bielefeld oder Paderborn. Vorwitzig lugen auch einige Dächer der Oerlinghauser Südstadt durch die Baumwipfel stehengebliebener oder nachgepflanzter Kieferngruppen. Oft kreisen schnittige Segelflugzeuge in der Thermik über erwärmten Sandflächen der Senne oder gleiten im Aufwind an der Gebirgsmauer dahin. Die Senneniederung indessen liegt oft in typischem Dunst. Nur selten ist eine klare Horizontlinie zu erkennen, meist verirrt sich der suchende Blick im Grenzenlosen.
Bei den Wegegabelungen am Erholungsheim der Bundesbahn (4) und später am Naturfreundehaus (5) wählen wir jedes Mal den oberen Weg, sodass wir immerzu etwa auf der Höhenlinie 280 NN wandern. Es ist ein wunderschöner Waldweg (Abb. 2), breit genug auch für größere Wandergruppen, die sich meist viel zu erzählen haben und dann nicht immer auf den Weg achten möchten. Das ist hier auch nicht nötig, denn die wasserabweisende Nadelstreu von Fichten, Kiefern und Lärchen sowie der Untergrund aus Sand oder Sandstein mit seinen großen Kapillaren halten ihn trocken fast das ganze Jahr.
Natürlich dominiert hier der dunkle Fichtenwald; jedoch an zahlreichen Plätzen drängt auch frisches Grün zum Licht, und da blüht’s und fruchtet’s dann am Wegesrand: Himbeere und Heidelbeere, Fingerkraut und Salbei-Gamander, Veilchen und Braunelle, Farnkraut und Sternmoos, Flatterbinse und Pfeifengras...
In der wärmeren Jahreszeit erfreut sich das Kneippbecken am Wege großer Beliebtheit, und wer die Scheu vor solcherlei Erfrischung bisher noch nicht hat überwinden können oder dem fehlenden Handtuch die Unterlassung immer angelastet hat, der nehme hier nun endlich mal ein Fußbad, um die vortreffliche Erfrischung und Heilwirkung am eigenen Leibe kennenzulernen. Er wird dann später bei anderen Wanderungen oder im Urlaub — ob im Lipperland oder Harz, im Odenwald oder Schwarzwald, im Bayerischen Wald oder in den Alpen, in der Heimat oder im Ausland — jede Gelegenheit zu solchem Fußbad nutzen, ob nun im Kneippbecken oder im Wildbach.
Inzwischen haben wir die Wegespinne in der Wistinghauser Schlucht erreicht (6). Dort wählen wir weder die feste Forststraße über den Querpass des Teutoburger Waldes zum Gut Wistinghausen oder in der Gegenrichtung zur Senneniederung, noch die Aufstiege zum Tönsberg oder Mänerisch, sondern wir bleiben auch weiterhin auf gleicher Höhe und umrunden in einem großen Bogen den Ostflügel des Tönsberges auf dem mit einem großen T gekennzeichneten Rundweg.
Maschendrahtpyramiden zum Schutz der Waldameisen sehen wir am Wege. In den angeschnittenen Böschungen präsentieren sich übersichtliche Sandbodenprofile mit einer dünnen Rohhumusschicht oben im A-Horizont, zu dem auch noch der ausgelaugte graue Bleichsand darunter gerechnet wird. Anreicherungs- oder B-Horizont heißt die nächst tiefere verfestigte schwarzbraune Ortsteinschicht, die zapfenförmig in den unveränderten gelben Sand des C-Horizonts an der Basis des Profils eindringt.
Direkt am Weg liegt auch der gefahrvolle Steilabfall (7) zum „Malerkessel”. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass Landschaftsmaler von unten in der tiefen Schlucht Motive und Anregungen genug für ihre schöne Kunst finden und äußerste Ruhe obendrein. Gut auszumachen sind in der Steilwand auch die dicken braunen Felsbänke des Osningsandsteins, der ältesten Ablagerung der Kreidezeit vor 120 — 110 Millionen Jahren. Unser Wanderweg um den Tönsberg läuft heute ohne Ausnahme durch diese Formation des Mesozoikums, des Erdmittelalters.
Die berg- und talwärts abzweigenden Wege lassen wir unbeachtet, sie erschließen lediglich die einzelnen Holzreviere oder führen zur Wistinghauser Straße hinab. Nur einmal folgen wir ein kleines Stück dem Forstweg (8), der weiterhin mit großer Steigung zum Gipfel führt. Unser Nordhangweg (Abb. 3) pendelt sich bald wieder auf die Höhenmarke 280 m NN ein, die er seit dem Malerkessel um 20 Höhenmeter unterschritten hatte. Die Bauschuttdeponie unten am Fuß des Berges (9) ganz in der Nähe des Quellgebiets vom Haferbach, das St. Hedwig-Haus (10) am ehemaligen „Wilden Jäger” und den Weber-Stadtpark (12) will ich auf der geplanten Breitegrund-Wistinghausen-Wanderung vorstellen.
Wenn wir der Hermannstraße (11) bis zum eingezäunten Weber-Park folgen, sollten wir nach der offenen Südpforte Ausschau halten und durch die sehenswerte Gartenanlage (12) zur Detmolder Straße und zum Ausgangspunkt zurückgehen. Wir können aber auch auf der Hermannstraße solange weiterwandern, bis uns das letzte Stück der Himmelsleiter (13) zur Jägerstraße und damit ebenfalls zum Ausgangspunkt hinabgeleitet.
INFORMATIONEN
Die Brachtshofstraße (Abb. 1) kann in direktem Zusammenhang mit dem ersten urkundlichen Nachweis Oerlinghausens und damit auch zu dem Gründungsjubiläum 1986 gesehen werden; denn im Jahre 1036 vermachte der Paderborner Bischof Meinwerk dem Kloster Busdorf die Zehntsteuer zahlreicher Besitzungen ringsum. Dieser Übereignungsvermerk ist nun die authentische Geburtsurkunde, obwohl die wirkliche Gründung dann natürlich lange vorher gewesen sein kann. So wurde aufgeführt der Amtsmeierhof Barchusen mit den fünf Vorwerken Oerlinghausen, Meginchusen (Menkhausen), Burchusen (Niederbarkhausen), Hepyn (Heepen) und Ykamannincthorp (Eckendorf).
Ein Vorwerk ist ein vom Haupthof getrennter Wirtschaftshof, in dem landwirtschaftliche Geräte, Vieh oder Erntevorräte untergebracht wurden, um so die Wegstrecken zur Feldarbeit wesentlich zu verkürzen. Weil der genaue Standort des Oerlinghauser Vorwerks aber aus keiner Urkunde überliefert worden ist, darf man ihn am Sitz der späteren Vögte vermuten. Das waren die Rechtsvertreter der Landesher...
Zwei Oerlinghauser Vögte sind besonders bekannt geworden: Johann Tofall, dem Graf Bernhard VII. laut einer Urkunde von 1559 eine Knick-Parzelle schenkte, und Johann Bracht, der 1651 zum Vogt der Vogtei Oerlinghausen ernannt wurde.
Johann Bracht vermehrte das Vermögen seiner Vorgänger beträchtlich, erwarb weitere Ländereien — z. B. den Oetenhauser Roden mit Dükersgrund, später als Brachts Berg mit dem Steinbruch darin bekannt geworden — und erlangte weitgehende Abgabenfreiheit für seinen Besitz und außerdem die Konzession, Bier zu brauen und Branntwein in seinem Krug zu „verseilen”, d. h. mit behördlicher Genehmigung glasweise zu verkaufen. So konnte er sich in der Nähe der Kirche ein prächtiges großes Haus errichten, das bald allgemein als Brachtsches Schloss bezeichnet wurde. Im Jahre 1901 brannte es bis auf die Grundmauern ab. Die Brachtshofstraße aber erinnert uns heute noch an das Schloss und seine Ländereien am Südhang des Tönsberges.
Das Bielefelder Naturfreundehaus (5) mitten im Walde am Nordhang des Tönsberges besteht bereits seit 1914. Das liebevoll als „Hütte” bezeichnete zweigeschossige Fachwerkhaus war zunächst nur als Wanderstützpunkt vorgesehen und bot 60 einfache Schlafplätze. 15 Jahre später wurde das Provisorium durch ein größeres Gebäude abgelöst, das auch heute noch das Kernstück der Unterkunft bildet. 1933 konfiszierte die NSDAP die Anlage, nachdem die Naturfreundebewegung verboten worden war. Nach dem Kriege wurde das Unrecht rückgängig gemacht, ein Küchen- und Schlaftrakt angebaut, ein separater Jugendraum eingerichtet und die 11 Zimmer mit 47 Betten nach und nach komfortabler ausgestattet. Etwa 8000 Gäste zählt das Naturfreundehaus Jahr für Jahr, 80 % davon sind Kinder und Jugendliche. Hauptsächlich kommen sie in Gruppen aus dem ganzen Bundesgebiet, aus West-Berlin und auch aus dem Ausland. Wandern und Sport, Gesang und Volkstanz, Laienspiel und Fotoarbeiten stehen am häufigsten auf dem Tagungsplan.
Im Sommerhalbjahr lädt ein Kneippbecken (Abb. 4) am Wanderwege zu Rast und erfrischendem Fußbad ein. Im Winter stürzt nach längeren oder ergiebigen Regenfällen ein schäumender Gebirgsbach oben vom Hang herab, wird unter der Wanderwegbrücke aufgefangen, durch eine sinnvolle Unterführung weitergeleitet, fließt als „Schnakenbach” ein Stück in die Schlucht hinein und versickert dann im Sand der Wistinghauser Senne. In grauer Vorzeit gehörte die Quelle zu der Wallburg auf dem Ostflügel des Tönbergs.
Überall an lichten Plätzen des Südhangweges fallen die steif emporstrebenden Büschel des Pfeifengrases (Abb. 5) Molinia coerulea auf. Es bildet keine gleichmäßigen Rasenflächen, sondern gedrängt stehende Horste. Die Halme werden über 100 cm lang und tragen nur am Grunde harte, lang zugespitzte Blätter. Weil man sie — eventuell um einen Holzstiel zusammengebunden — gut zum Kehren nutzen konnte, wurde dieses Gras auch Besenried genannt.
Es lohnt sich, bei einem Pfeifengrashorst einmal anzuhalten und ihn genau zu untersuchen. Bei gutem Wetter setzen wir uns vielleicht einfach an die sonnige Wegböschung oder auf eine schnell ausgebreitete Unterlage und spüren an der Basis des Halmes die zwiebelige Verdickung auf, gleich darüber 1 — 3 Knoten dicht gedrängt. Bis zur Spitze ist der Halm dann glatt und weist keine weiteren Knoten mehr auf.
Darum verwendeten Pfeifenraucher — zumal für Meerschaumpfeifen mit langem Rohr — diesen Grashalm gern als Pfeifenreiniger, und so entstand der bezeichnende deutsche Artname.
Damit ist die Liste der Verwendungsmöglichkeiten aber noch längst nicht erschöpft. In Weinbaugebieten wurden die Reben damit an Pfähle oder Spaliere gebunden, andernorts leichte, luftige Hüte aus dem zunächst zähen Gras geflochten, und heute werden Untersetzer für Blumenvasen oder Trinkgläser gern daraus gebastelt.
Der wissenschaftliche Gattungsname erinnert an den spanischen Geistlichen Molina (1740—1829), der in Südamerika neben seiner Missionsarbeit noch Zeit für botanische Studien fand. Wer die Wanderung im Spätsommer durchführt, kann auch die Blüte untersuchen. Von August bis September erscheint nämlich die lange, straff zusammengezogene Blütenrispe. Die bläuliche oder violette Färbung der Ährchen ist in dem wissenschaftlichen Artnamen festgehalten (lat. caeruleus, blau). Das Pfeifengras ist ein extremer Spätblüher.