Wege, Felder und Wälder in Oerlinghausen
August Reuter,
eingeleitet von Alex Moll:
Beim Nachlass des früheren Bürgermeisters von Oerlinghausen und engagierten Heimatforschers August Reuter fand sich ein Manuskript eines Vortrages mit dem Titel „Wege, Felder und Wälder in Oerlinghausen”. Fritz Soll aus Oerlinghausen hat die beim Staatsarchiv Detmold untergebrachten Handschriften Reuters durchgesehen und bearbeitet. Der Vortrag ist vermutlich um 1950 gehalten worden; leider ist nicht mehr mit Sicherheit festzustellen, zu welchem Anlass geschrieben wurde. Einige Hinweise lassen vermuten, dass der Vortrag für ein besonders interessiertes Publikum gedacht war, z. B. für die Oerlinghauser Vereinsgruppe des Lippischen Heimatbundes, dessen Mitglied Reuter war. Das sollte ein Grund sein, den Text an dieser Stelle zu veröffentlichen.
Reuters Ausarbeitungen beschäftigen sich mit den Entstehungsbedingungen des Ortes Oerlinghausen. Im ersten Teil des Vortrages geht Reuter auf die Befestigungsanlagen am östlichen Tönsberg mit der Hünenkapelle ein, die sicher ein Grund dafür waren, dass später am westlichen Hang des Tönsberges eine Kirche gebaut wurde und damit der Grundstein für die Anlage einer Siedlung gelegt wurde. Hier soll allerdings nur der zweite Teil des Vortrages herangezogen werden, der sich mit der Kirche und dem Pass, der durch Oerlinghausen führte, beschäftigt und im Wesentlichen mittelalterliche Siedlungsgeschichte thematisiert. Über die Entwicklung Oerlinghausens im Mittelalter gibt es bisher nur wenige Arbeiten.
Reuter schreibt über die Entstehung des Ortes allgemein; er verzichtet darauf, die Rodungsstufen und die Verteilung der Ländereien im Detail zu erforschen. Diese Vorgehensweise ist wegen der besonderen Prägung des Ortes sinnvoll. Oerlinghausen ist nie nur bäuerliche Siedlung gewesen; der Ort war immer Kirchort und Verwaltungssitz. Durch eine Urkunde ist belegt, dass Oerlinghausen bis 1231 Archidiakonatssitz war, bis das Archidiakonat im Zuge der Territorialstaatenbildung nach Lemgo verlegt wurde. Schon 1474 wird ein Richter des Edlen Herren zur Lippe namens Barthold Mikes erwähnt. Kurze Zeit später wird Oerlinghausen Vogtsitz.
Eine weitere bestimmende Größe für das Entstehen des Dorfes ist die „verkehrsgünstige” Lage. Um 1600 gab es schon mindestens drei Händler in Oerlinghausen: der Vogt Barkhausen trieb Handel, angeblich sogar mit Leinwand; dazu kamen die Krämerfamilien Nagel und Kramer. Die Lage an der Passstraße schuf eine Händler- und Handwerkssiedlung rund um die Kirche. Erwähnenswert erscheint in diesem Zusammenhang, dass 1867 nach Detmold die größte jüdische Gemeinschaft Lippes in Oerlinghausen angesiedelt war und Juden sehr früh erwähnt werden. Bei den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde handelte es sich fast ausschließlich um Händler. Handwerker, die auch schon früh nachgewiesen werden können, und Händler bestimmten die Entwicklung des Ortes.
Der Grundbesitz hingegen war so verteilt, dass der Raum, der zwischen den Ländereien der Meier von Niederbarkhausen und Menkhausen lag und einziges Siedlungsland für die Dorfschaft war, zum größten Teil dem Vogt und der Pfarre gehörte. Aus den Landschatzlisten geht hervor, dass die nächstgrößte Hofstelle eine Kleinkötterstelle war. Es gab also neben Vogtbesitz und Pfarrhof keine Meier- oder Kötterstellen in Oerlinghausen, wenn man von dem Menkhauser Meier und seinen abhängigen Köttern in der Senne einmal absieht.
Die Siedlungsgeschichte Oerlinghausens ist deshalb nicht nur aus der Landverteilung zu rekonstruieren, sondern muss sich an allgemeiner wirtschaftlicher und politischer Geschichte orientieren, da das Wachsen des Ortes vielmehr von ortsübergreifenden Entwicklungen abhängig war als eine rein bäuerliche Siedlung. Reuter setzt in seinem Vortrag folglich bei der Wegestruktur an, die für die Entwicklung der Siedlung ausschlaggebend war, und wendet sich erst später der Rodung im Mittelalter zu.
Reuters Text möge als Quelle für weitere siedlungsgeschichtliche Forschungen dienen. Es wird hier die endgültige Fassung des Vortrages wiedergegeben, nur soweit verändert, als Bezüge, die Reuter zur Situation in den 50er Jahren herstellt, heute überholt sind.
Der Oerlinghauser Pass, die alte Straße durch den Teutoburger Wald, hat nicht erst im Mittelalter Bedeutung gewonnen, sondern muss als frühe Verbindung zwischen den Höfen der Umgebung und zu den Kultstätten angesehen werden. Es ist nicht schwer, ihre älteste Route in Oerlinghausen festzustellen. Sie ist ja zu meist durch das Gelände bedingt.
In unmittelbarer Nähe von Oerlinghausen liegen zwei alte Meierhöfe, die neben Oerlinghausen schon in der Urkunde vom 25. Mai 1036 genannt werden: Barkhausen und Menkhausen. In dieser oftmals zitierten Urkunde – ich brauche hier nicht näher darauf einzugehen – erscheinen Menkhausen und Oerlinghausen als Vorwerke von Barkhausen. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass es außer dem Barkhauser Vorwerk Orlinchusen, dessen Lage wir nicht kennen, auch einen von Barkhausen unabhängigen Hof Oerlinghausen gab (Herr Pastor Schwarz, der eine Chronik der Kirchengemeinde Oerlinghausen verfasst hat, brachte in einem Gespräch diesen Gedanken zum Ausdruck). Mindestens musste es eine Burg Oerlinghausen gegeben haben, denn darauf lassen Flurnamen und Wegeführung schließen. Dass in einer Urkunde vom 29. August 1261 (Nr. 308 der Lipp. Regesten) auch ein „Gerhard von Orlinchusen” als „burgensus vero” genannt wird, sei am Rande vermerkt. Nach dem Flurnamen Borghart (= Burgwald) und Borghagen muss die Burg etwa dort gelegen haben, wo heute die Jugendherberge auf dem Tönsberg steht. Prof. Otto Weerth nahm an, dass es sich um einen frühen mittelalterlichen Holzbau gehandelt habe, der wohl in den Kämpfen Heinrichs des Löwen, auf dessen Seite der Edelherr Bernhard II. zur Lippe focht, um 1180 zerstört worden sei, dass er also das gleiche Schicksal erlitt wie die Löwenburg auf dem nahen Hünensaut, wobei ich nicht unerwähnt lasse, dass Bernhard II. schon damals das Vogteirecht in Oerlinghausen besaß (vergl. Kiewning, Lippische Geschichte, Detmold 1942, S. 23).
Unter Zugrundelegung des oben Gesagten und der daraus gezogenen Folgerungen ergibt sich für das Jahr 1000 etwa das folgende Wegenetz in und um Oerlinghausen: Hierzu ist zu bemerken: Die Hauptstraße von Nr. 21 bis Nr. 53 bestand noch nicht, sie ist erst um 1700 gebaut. Die Passstraße war die jetzige Tönsbergstraße. Sie führte möglichst nahe an den Berg heran und damit an die (vermutete) Burg und an den Kammweg zur Hünenkapelle. Der Hellweg nach Detmold, Lemgo und zur Weser war die jetzige Marktstraße. Die jetzige Detmolder Straße ist erst im Anfang des 19. Jahrhunderts gebaut. Der Weg über den Steinbült war Trift für die Schweine, die zur Eichel- und Buchenmast in den Menkhauser Berg getrieben wurden. Der jetzige Triftweg war Kuhtrift zur Senne.
Die eigentliche Passstraße (jetzt Holter Straße, Tönsbergstraße, Hauptstraße und Rathausstraße) war die alte Verbindung zwischen Paderborn und den bischöflichen Meierhöfen Barkhausen, Heepen, Bexten, Heerse und Eckendorf, während der alte Hellweg 180 Jahre später die willkommene und viel benutzte Verbindung zwischen dem 1181 von Bernhard II. gegründeten Kloster Marienfeld und den diesem Kloster gehörenden Höfen in Wellentrup, Hörste und Stapelage wurde. In Sonderheit wurde Stapelage das wichtigste Rodungsgebiet des Klosters Marienfeld; „dessen Ruf sehr bald das nördliche Deutschland vorherrschend durchdrang. Brüder vom Orden der Zisterzienser, neuzeitlich gerichtete Landwirte, erschließen hier Kulturen im weitesten.” (Kiewning a. a. O. S. 27) Und aller Verkehr zwischen dem berühmten Kloster und seinen lippischen Höfen und Wäldern ging über Oerlinghausen, d. h. also auch über die steile Tönsbergstraße.
Es drängt sich die Frage auf, warum die Passstraße den Berg hinaufkletterte, anstatt von der Senne her durch das bequemere Schopketal über Menkhausen und Barkhausen zu führen. Für die 1911 projektierte und sorgfältig vermessene Bahnverbindung Hamm - Hameln wurde z. B. diese Linie Schopketal - Menkhauser Bruch - Wellenbruch gewählt als bequemste Durchbruchstelle bei Oerlinghausen; sie passte sich also dem Gelände besser an als die alte Passstraße.
Die Antwort auf unsere Frage gibt wieder die auf der Bergnase stehende (urkundlich nicht bewiesene, sondern nur noch in den Flurnamen auftauchende) Burg, die die Passstraße nach beiden Seiten hin beherrschte, von der man also die sowohl vom Süden als auch die von Norden kommende Anfahrt überblicken konnte. Diese Lage zwingt uns immer wieder, die Existenz der Burg anzunehmen. Im Schopketal können wir uns eine solche, die Passstraße beherrschende Burg nicht vorstellen. Zudem dürfen wir nicht außer Acht lassen, dass um das Jahr 1000 und noch mehrere Jahrhunderte später das Schopketal aus Sumpf, Morast und unpassierbaren Wäldern bestand.
Die Bäche führten zu jener Zeit noch mehr Wasser als heute. Im Übrigen aber erforderte ja auch die Kirche trockene Zugangswege. Dass unsere Kirche an hervorragender Stelle liegt und das von dieser Stelle aus schon in frühester christlicher Zeit ein Kapellenglöcklein die Leute von beiden Seiten des Gebirges rufen konnte, kann nicht zweifelhaft sein. Bei der Christianisierung wurden Kapellen und Kirchen vorzugsweise dort errichtet, wo heidnische Altäre gestanden hatten. Vielleicht ist eine heidnische Kultstätte auch die Ursache für die Linienführung der Passstraße gewesen. Der Hexenbrink an der Kirche weist in diese Richtung. Und weiter zwang ja auch die Befestigungsanlage am Ostabhange des Tönsbergs mit der Hünenkapelle, sei sie nun germanischen, sächsischen oder fränkischen Ursprungs, zu einem fahrbaren Weg den Berg hinan.
An dieser Passstraße und im Schutz der Burg bauten sich die ersten Ackerer und Handwerker an. Von hier aus begann die Rodung der dichten, den Abhang bedeckenden Wälder und dort wurde später, als am Breitenkamp fruchtbare Äcker entstanden waren, auch die Vogtei gebaut. Der Breite-Kamp vom Brachthof bis in den Welschen hinein war bis ins 18. Jahrhundert Ackerland der Vogtei.
Der ganze Abhang zwischen Holter Straße, Robert-Koch-Straße, Landerweg, Helle, Gehrenberg, Howeweg bis zur Rathausstraße wurde schon um 1100 der Pfarre als Dotation übereignet. Auch hier war fleißige und schwierige Arbeit des Rodens vonnöten, ehe dort siediges, d. h. ackerfähiges Land, das so günstig vor der Sonne lag, entstand. Das ist nicht von heute auf morgen geschehen, sondern nach und nach im Laufe der Jahrhunderte. Wann die Rodung dieses günstigen Striches einsetzte, ob nicht schon in vorgeschichtlicher Zeit, vermag niemand zu sagen. Wahrscheinlich ist, dass einzelne Teile schon in vorgeschichtlicher Zeit beackert waren, besonders in der Nähe der Kirche. Es kann sich dann aber nur um kleine Teile gehandelt haben. Die Pfarre hat von diesem großen Besitz im Laufe der Zeit dasjenige Land, das sich als weniger ertragreich erwies, wieder abgegeben. Zuerst erhielt der Küster links der Göddernstraße eine Hufe; daran anschließend später auch die neu gegründete Kantorstelle. Von der Küsterhufe ist auch Hattenkerls Hof (Kolonat Nr. 2) abgetrennt. (Die Küsterstelle war im 16. und 17. Jahrhundert bei der Familie Hattenkerl). Ferner hat die Pfarre das Land Unter der Howe, das Gelände Papagoy und den Lütken Kamp (an der Rathausstraße) abgestoßen. Der Papagoy gehörte später zur Allmende. Einen weiteren Teil verkaufte sie im 17. Jahrhundert an den Landvogt Bracht, der von Wistinghausen auch den Roden, die Breite Grund und den sogenannten Brachtsberg erwarb.
Der Tönsberg und die bewaldeten Hinterberge blieben bei den Meierhöfen Barkhausen und Menkhausen. Aber die Bewohner von Oerlinghausen hatten seit urdenklichen Zeiten das Recht, ihre Schweine zur Mast in diese Wälder zu treiben. Wenn auch die Meier im Laufe der Jahrhunderte immer wieder versuchten, den Oerlinghauser Bürgern dies Recht streitig zu machen, so blieb es doch bis ins 18. Jahrhundert erhalten und erlosch vollständig erst bei der Teilung der Gemeinheiten im Jahre 1845.
Ich sagte, der Wald blieb bei den Meierhöfen. Wie weit reichte der Wald? Nun, so weit die Berge reichten, d. h. von der Senne über die Hinterberge, über das Tal des Welschen und über den Tönsberg hinüber bis zum Hellweg und weiter in die Grüte. Der Grüteberg wurde im 15. Jahrhundert dem Frohnen des Amts Barkhausen (Frohnhof in Asemissen) übereignet und ist erst 1918 wieder in den Besitz des Haupthofes Barkhausen zurückgelangt.
Der sogenannte Kalderberg, die Fortsetzung der Tönsbergwaldung, reichte bis zur Apotheke und zum Hellweg und Marktplatz. Der Hellweg führte also durch schwieriges Waldgelände. In welch schrecklichem Zustand die Wege waren, wissen wir aus vielen Urkunden. Der Grüteberg traf mit der bewaldeten Hanegge und dem Menkhauser Bruche zusammen. Oerlinghausen war mithin weit mehr von Wald umgeben als heute. Und dem Meierhof Barkhausen gehörte durch den Wald ein großer Teil des heutigen Stadtgebietes. Als das Dorf sich im 17. Jahrhundert nach der Nordseite ausdehnte, und zwar nach der Nordseite deshalb, weil hier im Schatten des Berges Bauland eher zu haben war, und als der Berg hier zur Gewinnung von Baumaterial angekratzt wurde, da waren die Neusiedler dem Meierhof Barkhausen kanonpflichtig, z. B. auch die 1831 erbaute Apotheke. Zum Teil ist dieser Kanon von den Bewohnern erst nach 1875 abgelöst worden. Der Tönsbergwald, so spärlich er auch wohl alle Zeit bewachsen war, reichte eben früher bis zur Hauptstraße, und die Tönsbergparzellen sind erst 1845 in den Besitz der Bürger gekommen, als die große Teilung kam. So wurde z. B. laut Dorfsprotokoll vom 15.8.1846 das Holz zwischen den Borghagenkotten und der Dükersgrund meistbietend von der Dorfschaft verkauft, nachdem Barkhausen von Oerlinghausen abgefunden war. Der letzte Rest des Barkhauser Tönsbergbesitzes war die Windmühlenruine. Aber das war alles viel später. Wir bewegen uns vorläufig noch im Mittelalter, und ich sagte, dass z. B. das Pfarrland wie auch das Vogteiland, in schwerer Arbeit erst gerodet werden musste. Der Wald wurde also zurückgedrängt, sonderlich im Welschen, an der Helle und im Norden nach der Hanegge hin, wo der Breite Esch liegt. Das Bruchhaus, ein Kötterhaus von Menkhausen, lag noch zur Zeit der Erbauung im Jahre 1780 im Bruche, d. h. im feuchten.
Wir müssen uns hüten, die für die Ebene geltende stärkere Besiedlung auch für diesen Ort am Berge anzunehmen. Nach Verlegung des Archidiakonats 1231 von Oerlinghausen nach Lemgo hatten bis ins 16. Jahrhundert nur die umliegenden Meierhöfe eine gewisse Bedeutung. Oerlinghausen jedoch nur als Passort und durch seine Kirche, die längst keine Gokirche mehr war, deren Sprengel aber bis zum Kraks und Stukenbrock, bis Hillegossen und Kachtenhausen und bis Heipke reichte, und noch zur Zeit der Fürstin Pauline eine der größten Pfarreien des Landes war. Die Kleinheit des Dorfes war auch durch den engen Siedlungsraum bedingt. Wie eng der Siedlungsraum war, geht ja heute noch aus den an den Berg geklebten, zwar malerisch schönen, aber doch oft unpraktisch an steilen Wegen gebauten Häusern der Tönsbergstraße und des Berges hervor. Wir spüren auch heute noch die Einengung durch die uns umgebenden Meierhöfe.
Ich erwähnte eben den Breiten Esch. Hier handelt es sich wahrscheinlich um eines der ältesten Ackerstücke. Über die Bedeutung der Esche ist man lange im Unklaren gewesen. Die etymologischen Wörterbücher bezeichnen die Esche wohl als Feldflure. Aber seinen Zusammenhang mit dem Kämpen und Sieken hat erst Riepenhausen in seiner 1938 erschienenen Abhandlung „Die bäuerliche Siedlung des Ravensberger Landes”, die er im Auftrag der Geographischen Kommission im Provinzialinstitut für Westf. Landes- und Volkskunde in Münster verfasst hat, aufgedeckt. Sie hat auch für den Westen des Lipperlandes ihre Geltung. Ich folge Riepenhausen, wenn ich hier kurz die Gestaltung des Esches oder, wie hier auch genannt wird, des Eskes oder Eses, erläutere und zunächst darauf hinweise, dass wir in vielen Personennamen den Esch wiederfinden, z. B. in Aschhoff (Hof auf dem Esche), Esselmann, Essmann, Eschmeier, Meise (Hof up’m Eise), Mesch (Up’m Esch) usw. Der Esch war die beste Feldflur zwischen den Sieken. Er war die älteste Ackerfläche des Hofes, d. h. die trockene, fruchtbare Fläche. Das Ravensberger Land, das bis 1410 zu Lippe gehörte, d. h. das Land Engem zwischen Osning und Wiehengebirge, ist gekennzeichnet durch viele Bäche und Rinnsale, die vom Gebirge nach Norden fließen zur Windwehe, Werre, Else und Hase. Diese Rinnsale bilden oft tiefe Rinnen und Täler, deren Tiefe darauf schließen lässt, dass sie früher wasserreicher waren und zweifellos vielerorts sumpfige Niederungen bildeten. Sie hießen Sieke (verwandt mit seicht, plattdeutsch suige). Und man spricht hier (im Gegensatz zu den flachgewölbten Fluren) von sogenannten Siekfluren. Bei letzteren ist die Landschaft durch Sieke und schmale, langgezogene Bachtälchen stark aufgegliedert. Die Landschaft hat oft sogar einen rollenartigen Charakter wie zwischen Asemissen und Ubbedissen. Daher heißt es dort auch: „Inner Rullen”, woher der Rollkrug seinen Namen hat. Die Siekfluren sind siedlungs- und flurgeographisch ein hervorragender Typ der Ravensberger oder Engerschen Landschaft. Im Gebirge selber haben wir dagegen mehr die Kampfluren. Daher haben wir, die wir in den Bergen wohnen, in Oerlinghausen mehr Kampfluren als Esch- und Siekfluren. Auch das Siek finden wir in zahlreichen Familiennamen, wie in Siekermann, Siekmann, Kochsiek, Brunsiek, Topsiek, Sussiek, Siekerbrok.
Die Ränder der Erhebungen wurden Kamp genannt. Das höchstgelegene Land war der Esch. Wo haben wir in Oerlinghausen derartige Fluren? Allgemein bekannt ist das Boksiek durch die Straßenbenennung „Im Boksiek”. Wir haben aber noch mehr solche Sieke, sie sind nur nicht mehr so leicht zu erkennen. Ein Sick ist z. B. das Rinnsal an der Ravensberger Straße, das heute verschwunden ist. Die frühere Weide bis zur Straße ist der Kamp. Dann folgt der Breite Esch, ferner nach Osten zu wieder der Kamp, hier auch Kämpken genannt. Die Häuser der Rathausstraße stehen auf dem Kämpken. Die Rathausstraße, noch in meiner Jugend eine hohle Gasse, ist das nächste Siek. Die Häuser der rechten Straßenseite und der Friedhof liegen auf dem sogenannten Lütke Kamp und daran anschließend folgt das Boksiek. Das Rödingsfeld (jetzt Häuser der Marktstraße) ist wieder ein Esch bis zum nächsten Kamp und nächsten Siek, der Grenzrinne zwischen Oetenhauser und Barkhauser Besitz nahe der Bielefelder Straße. Das Rinnsal des Wellenbruchs ist ein Siek und der Hang, auf dem das Forsthaus steht, heißt Hangees.
Damit sind in Oerlinghausen die Siek- und Eschfluren erschöpft. Wenn wir mit Riepenhausen annehmen, dass Eschfluren die ältesten Ackerfluren des Dorfes waren, so müssen wir im Breitees und den angrenzenden Weiden ältestes Ackerland von Menkhausen und damit von Oerlinghausen erblicken, denn Menkhausen gehörte bis vor gut 100 Jahren (1850) zur Gemeinde Oerlinghausen, wie auch die Gemeinde Lipperreihe früher ein Teil der Dorfschaft Oerlinghausen war.