Scholastica
Ursprünglich hatte der Küster, wie überall, so auch in Oerlinghausen, den niederen Kirchendienst zu versehen; dazu gehörte auch das Orgelspiel, sodass man musikalische Kenntnisse und Fertigkeiten schon in früher Zeit bei ihm voraussetzen musste. Wir erfahren z.B. aus einem Gogerichtsprotokoll vom Jahre 1628:
"daß folgende Personen am Sonntage Estomili gegen das Verbot in Tofals Hause 'Fastelabend' gefeiert haben und sich haben aufspielen lassen: Cordt im Groten Hofe, Hermann Wöstenfeld, Franz Tölke und seine Frau, Heinrich und Jürgen Ebbinghaus, der Kramer, Cord Redecker (auch Reker), Gerd Wöstenfeld, der Meier zu Dahlhausen, Krawinkels Knecht aus dem Ükenpohle, Krawinkels Tochter, Anneke uf Stöltings Hofe, Gerdrud uf'm Lohkampe. Der alte Küster wäre der Spielmann gewesen, er hätte um ein Brot gebeten, weil er hätte ein Kind taufen lassen."
(Der Küster wird denn auch nicht bestraft, die anderen müssen je 1 Thaler zahlen.)
Zum Schuldienst scheinen die Oerlinghauser Küster aber damals noch nicht herangezogen zu sein, sondern wahrscheinlich erst im 18. Jahrhundert. Vorher hat man in Oerlinghausen nicht viel von der Schule gehalten.
Der erste Küster, von dem wir erfahren, war Konrad Honnerlage, der 1599 starb. Ihm folgte Jakob Schulte, der mit dem zu gleicher Zeit in Oerlinghausen angestellten Schulmeister Franziskus Gallus in Unfrieden lebte. Der Letztere klagte, dass der Küster ihn einen Schelm und Mörder gescholten habe und dass des Küsters Frau ihn mit der Faust ins Auge geschlagen habe. Der Küster dagegen klagte, dass ihn der Schulmeister einen Dieb, Werwolf und Zauberer gescholten, mit Steinen geworfen und mit der Faust ins Angesicht geschlagen habe. Beide wurden vom Vogt Tofal der Frieden eingebunden, sodass die Sache vor das Gogericht kam, nachdem sie diesem nicht nachgelebt hatten.
1638 verklagt der Küster Henrich Stapela (auch Stapelage) den gewesenen Küster Hattenkerl. Und 1651 treffen wir wieder auf einen Küster Jobst Hattenkerl, der auch 1668 noch im Amt ist. Er ist der Sohn des vorseitig erwähnten "Spielmanns". Jobst Hattenkerl ist 1673 abgelöst durch Christian Stapela aus Heiden. Später, 1718 und 1733 begegnen wir dem Küster Johann Christoph Stapelage, wohl dem Sohn des Christian St.
Wir haben oben gesehen, dass im Jahre 1600 schon ein Schulmeister in Oerlinghausen angestellt war. Mehrfach diente diese Stellung jungen Theologen als Übergang zum Pfarramt. So stand z.B. Johann Henrich Tack, auch Tackius, der von 1634 - 1638 Pastor in Elbrinxen war, als Schulmeister in Oerlinghausen. Auch Ludolf Böger, der gelegentlich Rektor genannt wird, muss ein Theologe gewesen sein. Jodocus Krücke, später Küster in Brake, der Stammvater einer Familie, aus der eine große Reihe lippischer Lehrer und Pastöre hervorgegangen ist, war vor 1678 Lehrer in Oerlinghausen. Weiter finden wir in Oerlinghausen mehrere Angehörige der ausgebreiteten Lehrerfamilie Dubbert aus Fromhausen und 1717 - 1734 Jobst Wilhelm Dubbert.
Im Anfang des 18. Jahrhunderts war Caspar Friedrich Mahrt Schulmeister in Oerlinghausen, der wegen seiner üblen Aufführung und wegen der Vernachlässigung seines Dienstes entlassen werden musste. Damals kam eine große Anzahl von Oerlinghausern darum ein, ihre Kinder in eine andere Schule schicken zu dürfen, und der Nachfolger Mahrt's, der oben erwähnte Jobst Wilhelm Dubbert, klagt 1718, sein Vorgänger habe die Schule so verkommen lassen, dass er bei seinem Amtsantritt nur zwei Schüler vorgefunden habe.
Es wird übrigens häufig darüber Klage geführt, dass manche Eltern ihre Kinder nicht zur Schule schickten, Klagen, die noch um 1820 vorkommen (bei den Fortbildungsschülern wollen sie gar heute noch nicht ganz verstummen). Der Rektor Böger klagte 1689 beim Gogerichte, 13 Leute wollten ihre Kinder nicht zur Schule schicken, obwohl es ihnen anbefohlen sei unter Androhung von ¼ Gulden Strafe. Ebenso klagte 1725 Dubbert, dass die Leute in der Senne ihre Kinder nicht zur Schule schicken wollten und ihm sogar gedroht hätten, sie wollten ihre Kinder katholisch werden lassen (vielleicht hat man's damals in Stukenbrock nicht so genau mit dem Schulbesuch genommen). Zwischen den Lehrern und den Eltern hat nicht immer ein friedliches Verhältnis geherrscht. Unter vielen anderen erfahren wir z.B. aus dem Jahre 1734 eine Klage, dass Jakob Wittenborn's Frau den Lehrer Dubbert hässlich gescholten und geflucht hat, der Donner, Hagel und Blitz sollte in das verdammte Kinderhauen fahren. Der Bakel ist also damals häufiger angewandt worden als heute.
Der gleiche Lehrer klagt 1730, dass ein Jakob Kop heimliche Neben- oder Klipschulen halte, entgegen der landesherrlichen Verordnung. Und noch 1806 wurde der Judenschullehrer Marcus verklagt, weil er Privatunterricht gab und dadurch die Kinder der ordentlichen Schule entzog. Von meinem Großvater, der 1821 in Oerlinghausen geboren ist, weiß ich, dass er sommertags als Hütejunge auf Wrachtrup von einem Schneider, der früher Soldat gewesen sei, unterrichtet worden ist und dass sie damals das ABC noch auf Plattdeutsch gelernt haben: A, Beu, Speu usw. Mein Großvater hat aber später gut rechnen und schreiben gelernt (besser rechnen als schreiben).
Das Schulhaus stand auf dem Kirchhofe oder doch in unmittelbarer Nähe der Kirche. Im Jahre 1750 war es so baufällig, dass man es abbrechen musste. Der dadurch frei gewordene Platz wurde mit zum Friedhof genommen. Dieser ist bis 1862 zu Beerdigungen benutzt worden. Der neue Friedhof an der Bahnhofstraße – auf dem "Neuen Felde" angelegt – ist also schon 66 Jahre in Benutzung. Der Stadtrat plant bereits die Anlage eines städtischen Friedhofs in der Senne, während der jetzige Friedhof an der Bahnhofstraße Eigentum der Kirchengemeinde ist.
Für die abgerissene Schule wurde ein auf Pfarrgrund stehendes Haus 1750 angekauft. Ich nehme an, dass es die jetzige noch so benannte Küsterschule ist, die 1932 laut Vertrag mit der Schulgemeinde wieder an die Kirche zurückfällt.
Von 1739 an treffen wir in Oerlinghausen auf die Lehrerfamilie Voss. In diesem Jahre wird ein Schulmeister Johann Kord Voss erwähnt. Und auf den Namen Voss stößt man in Schulsachen während des ganzen 18. Jahrhunderts. 1748 wird er "Kantor" Voss genannt.
Um diese Zeit strengen "Kantor Voss und Genossen" einen Prozess gegen die Dorfschaft Oerlinghausen an. Es handelte sich darum, dass die Dorfschaft von den "Neubauern auf Wehmegrund" verlangte, sie sollten zu den öffentlichen Abgaben beitragen, sie sollten Steuern zahlen, die zum Bau von Wegen und zur Ausbesserung derselben usw. erhoben wurden. Aber die Neubauern sollten nicht die Rechte der ordentlichen Bürger (Kolone) haben; sie sollten z.B. keine öffentlichen Ämter bekleiden können. Dagegen wandten sich Kantor Voss und Genossen. Der Prozess hat 50 Jahre gedauert, Gutachten von Universitäten sind eingeholt worden, das Reichskammergericht in Wetzlar wurde damit behelligt, immer mehr schwollen die Akten an. Kantor Voss starb darüber hinweg, seine Witwe führte den Prozess weiter.
Schließlich aber hatte niemand mehr ein Interesse an der Streitfrage, denn gerade im Laufe dieser Jahrzehnte von 1750 - 1800 hatten sich die Anschauungen der Allgemeinheit so geändert, dass niemand mehr daran dachte, die Neubauer als Bürger II. Klasse zu betrachten. So verlief die Sache im Sande, und der Prozess endete mit einem dicken Federstrich der Fürstin Pauline. Und wie hat im Anfang dieser Prozess die Gemüter in Oerlinghausen aufgeregt!
Im Jahre 1788 baute Kantor Voss sich ein Haus auf Wehmegrund, jetzt Pfarrstraße 3 [Fußnote: In den Balken über der Haustür stehen die Worte:
M H. H. Vos: und A. C. Groten haben dieses lassen bauen d.M. Schlepper. 1788 Der Herr behüte allen Aus- und Eingang.
d.M. = durch Meister Schlepper. Voß hieß mit Vornamen Hans Henrich.].
Zeitweise ist in diesem Hause auch Unterricht erteilt worden. Heute klappert dort der Webstuhl des letzten Handwebers in Oerlinghausen, des fleißigen Leinenwebers Fritz Blanke.
Später war die Kantorschule an der Stelle, wo heute das Haus des Schuhmachermeisters Gustav Nieder steht, Hauptstraße Nr. 36. Reste dieses alten Fachwerkbaues sind noch heute am linken Teil des Gebäudes zu erkennen. Im Jahre 1887 wurde die Schule in den Neubau an der Schulstraße verlegt. Das Grundstück dazu war seitens der Schulgemeinde von dem Landwirt Eduard Bollhöfer erworben. Dieser wohnte damals in der jetzigen Zigarrenfabrik Gronemeier an der Schulstraße (Hinterhaus von Hauptstr. 12) und verzog später in das Haus "Wilder Jäger" in den Dükersgrund (Hermannstraße).
Von den Lehrern, die während des 19. Jahrhunderts in Oerlinghausen unterrichteten, leben noch in der Erinnerung unserer Tage [Fußnote: Küster Franz Christoph Schlepper starb am 16.10.1866 hier am Schlagfluss. Geboren in Detmold am 12.1.1818. Seminar 1834/37. Kam 1839 nach Barntrup, 1843 nach Schnokenbaum, 1849 nach hier.]: Die Küster Fischer, Schlepper und Kuhlmann. Besonders der Letztere genoss hohes Ansehen in allen Kreisen der Bevölkerung wegen seiner vortrefflichen Eigenschaften als Lehrer und – vor allem – wegen seines makellosen, aufrichtigen Wesens.
Abschrift aus den Konfistorialakten, Schulsachen, Titel 20 Nr. 83c im Landeskirchenamt Detmold:
Auf den Bericht Fürstlichen Konfistoriums vom 2. v. M. haben des Fürsten Durchlaucht gnädigst zu genehmigen geruht, dass der Kantor Steinhagen zu Oerlinghausen seinem Antrage gemäß mit der gesetzlichen Pension von 404 Rtl 26 Sgr. 5 Pfg in den Ruhestand versetzt werde.
Detmold, den 18. Juni 186 Fürstliches Kabinetts-Ministerium (gez.) v. Oheimb
An Fürstliches Konfistorium hierselbst.
Nachfolger des Kantors Steinhagen wurde Küster Bax aus Almena. Er besuchte das Seminar in Detmold 1828 bis 1831, war Lehrer in Bremke von 1831 bis 1844, kam in letzterem Jahr als Küster nach Almena mit einem Jahresgehalt von 267 Rtl (Reichsthalern) und 1862 als Kantor nach Oerlinghausen mit einem Jahresgehalt von 310 Rtl. Kantor Steinhagen starb 13.12.1864. Kantor Bax trat 30.9.1883 in den Ruhestand. Sein Nachfolger wurde der Nebenlehrer Rodewald in Salzuflen. Er wurde am 1.10.1883 von Konfistorialrat Thelemann und in Gegenwart von Generalsuperintendenten Koppen und Pastor Engel in sein Amt eingeführt und durch Handschlag an Eidesstatt verpflichtet. Sein Gehalt (als Teil des Diensteinkommens) beträgt 946 M (Mark) jährlich.
Mitglieder des Schulvorstandes im Jahre 1862 (Amtsantritt des Kantors Bax) waren:
Leinenhändler Franz Friedrich Becker, hier, Hauptstr. 22.
Steuerreceptor Karl Stölting, hier, Hauptstr. 20.
Kolon Ober, Nr. 5 in Oetenhausen.
Kaufmann Böhmer, Oerlinghausen, Hauptstr. 2.
Bartholdskrüger F. Grothe aus der Senne.
Leinenhändler L. Tölke, Oerlinghausen.
Mitglieder des Kirchenvorstands im Jahre 1862 waren:
Christoph Niemeyer, Oerlinghausen, Detmolder Str. 17.
Kaufmann Freitag, Oerlinghausen.
Bauer Hansing in Asemissen.
Bauer Hunecke in Dahlhausen.
Bauer Orbke in Bechterdissen.
Brinkmann?
noch ein Brinkmann?
C. A. Tölke, Oerlinghausen.
Wehmeier, Asemissen.
Reuter, Oerlinghausen.
Tellmann, Oerlinghausen.
Ober, Oetenhausen.
Upmeier, Uphof.
Riekehof, Wellentrup.
Krumsiek, Wellentrup.
Ostmeier, Bechterdissen.
Kersting.
Meier zu Ermgassen.
C. Bobe, Asemissen.
Die Kantoren Steinhagen, Bax und Rodewald: Steinhagen galt als Schöngeist. Die Schüler des Kantors Bax, die jetzt 80-jährigen, kann man noch an der schönen Handschrift erkennen.
Noch bis um 1900 herum lag den Kantorschülern ob, während des Gottesdienstes den Choral anzustimmen, und man hatte das Gefühl, dass ohne die Kantorschüler und ohne die kräftige Stimme des Kantors ein Gesang nie in Gang gekommen wäre. Ich glaube, mit Aufhören der geistlichen Schulaufsicht ist dies "Vorsingen" aufgehoben. Es geht auch so. Ich muss allerdings auch sagen, dass die hellen Knabenstimmen der Kantorschüler für mich immer ein Genuss gewesen sind.