Die Tofalls und die Brachts in Oerlinghausen

 

Über dieses Thema hat Bürgermeister i. R. Reuter des Öfteren im Verein für Natur- und Heimatkunde gesprochen. Als Protokollführer des Vereins habe ich viele Vorträge, die mir für die Geschichte unserer Stadt wichtig erschienen, stenographiert, um sie der Nachwelt überliefern zu können. Zu diesen gehören auch die des Bürgermeisters Reuter. Seine Ausführungen über die Vögte unserer Stadt fanden damals ungeteilten Beifall, sodass Reuter sein Manuskript über den Vortrag am 14. November 1927 auch dem „Oerlinghauser Anzeiger“ zur Verfügung stellte. Folgen wir dieser Veröffentlichung:

Für die richterlichen Geschäfte war für den Bezirk des Amtes Barkhausen ein Fron bestellt, dessen Hof in Asemissen noch heute in der Familie Frohne ist. Wir lesen von einem „geschworenen Fron des freien Amts Sancti Liborii zu Barkhausen“. Das Verhältnis zu Paderborn hat sich im Laufe der Jahrhunderte gelockert, und längst vor der Reformation begegnen wir Beamten des Edelherrn zur Lippe in Oerlinghausen, die hier ihren Sitz hatten. So wird in einer Urkunde im Archiv der Stadt Salzuflen aus dem Jahre 1474 ein Bartold Mikes, Richter des Edlen Herrn Bernd zur Lippe, in Oerlinghausen erwähnt, vor dem der Meier Henrich to Bexten bekundet, dass Henrich von Egeldorpe ihm 100 schwere rheinische Gulden geliehen hat, wofür er ihm eine Jahreszins von 6 Gulden verspricht. Zeugen sind u. a. der Meier zu Ubbedissen und der Meier zu Eckendorf.

Im Jahre 1559 wird urkundlich zuerst ein Vogt zu Oerlinghausen erwähnt. Es ist dies Johann Tofall. Dieser sagt, dass schon seine Vorfahren das Amt des Vogtes innehatten. Im Jahre 1529 wird ein Heinrich Kanne, genannt Tofall, erwähnt, welcher Fron des Amtes Barkhausen war. Wahrscheinlich ist er derjenige Fron, der Vogt zu Oerlinghausen wurde, vielleicht war er auch nur Fron im Nebenamt, weil er verwandt mit dem Meier zu Barkhausen war; denn der Meier zu Barkhausen hatte eine Ilsa Tofall zur Frau. Von der Brauttruhe dieser Ilsa Tofall haben wir 2 Gipsabbildungen im Detmolder Museum, die die Wappen der Meier zu Barkhausen und der Tofall zeigen. Das Barkhauser Wappen zeigt bekanntlich einen Baum, das der Tofalls einen Ochsenkopf.

Die Namen Tofall wie Kanne sind niederdeutsch. Die Familie scheint schon vorher in Lippe ansässig gewesen zu sein. Jedenfalls war der urkundlich zuerst erwähnte Vogt, Johann Tofall, am Detmolder Hofe gut gelitten. Graf Bernhard VII. schenkte ihm im Jahre 1559 einen Knick „oben dem Dorfe Oerlinghausen, der durch die Steingrube und oberhalb der Oerlinghauser Röden bis an das Wistinghauser Holz und Feld geht“. Graf Simon VI. zur Lippe hat diese Schenkung im Jahre 1601 bestätigt. Im Jahre 1574 erhielt Johann Tofall auch noch vom Grafen Simon die Zusicherung, dass ihm sein Sohn im Vogtamte folgen solle. Das ist auch geschehen. Die Knicke waren bekanntlich zur Verteidigung des Landes angelegt, wie wir das früher bei dem Vortrag über die Landwehren gehört haben (diesen Vortrag hielt ich im Verein für Natur- und Heimatkunde! Der Verf.), und unterstanden unmittelbar der Landesherrschaft.

Nach Erfindung der Schusswaffen und einer ganz anderen Art der Kriegführung konnten diese Landwehren ihre eigentliche Bestimmung nicht mehr erfüllen, und die Knicke wuchsen sich allmählich zu rechten Hainbuchenwäldern aus. (RB. Die Landwehren hatten auch nach der Erfindung der Schusswaffe ihre Bedeutung; denn sonst wären unter Pastor v. Cöllns Zeiten nicht noch neu auf den Pfarrländereien aufgeworfen worden. Heute nimmt man zu der Bedeutung der Landwehren eine andere Stellung ein: sie hatten in erster Linie den Zweck, dem Raubgesindel mit dem gestohlenen Gut an Korn und Vieh den Rückzug zu erschweren! Der Verf.) Der oben erwähnte Knick lag zwischen der Holzung des Meiers zu Barkhausen, dem früher ja der Tönsberg und die Steingrube gehörte. Dieses Steingrubengelände erstreckte sich von der heutigen Apotheke bis zum Hause Hermannstraße 23 (Lander), (also etwa von Twete zu Twete, Webers Garten usw.). Da eine genaue Grenze des Knicks nicht festzustellen war, kam es dieserhalb zu Streitigkeiten zwischen dem Meier zu Barkhausen und dem Vogte Tofall, die 1605 vom Grafen Simon VI. geschlichtet wurden. Heinrich Tofall, der Sohn Johann Tofalls und dessen Nachfolger im Vogtamte, verzichtete auf den Knick zugunsten von Barkhausen, erhielt aber dafür Holzhau und Schweinemast in den gräflichen Forsten.

Die Familie Tofall muss eine recht angesehene und begüterte Familie gewesen sein. Die Tofalls bewohnten in Oerlinghausen einen Hof, dort, wo später das Brachtsche Schloss stand und wo heute das Gebäude des Konsumvereins steht. Der ganzen Lage nach muss dies auch die Stelle sein, wo das in der Urkunde von 1036 erwähnte Vorwerk Oerlinghausen gelegen hat. Die Lage der Kirche und der Passstraße durchs Gebirge lassen darauf schließen. — Die Ländereien lagen nach Süden! (Breitenkamp.) Eigentümlicherweise hat sich Oerlinghausen später am Nordhange des Tönsberges ausgebreitet, obwohl an der Südseite Gelände genug zu haben war.

Die Besitzung der Tofalls war frei von „Lasten“ und nur der Rittersteuer unterworfen. Vom Grafen zur Lippe war ihnen die Berechtigung verliehen, Bier zu brauen, Branntwein zu brennen und beides, sowie auch Wein, in ihrem Krug ausschenken zu lassen. Wo dieser erste Krug lag, steht nicht fest. Außerdem hatten sie größere Flächen vom Meier zu Barkhausen in Erbpacht. Man gewinnt den Eindruck, dass es sich bei Heinrich Tofall um einen würdigen, angesehenen und reichen Mann gehandelt hat, der seine Vogtei, das jetzige Amt Oerlinghausen, gut verwaltete. Er hatte die niedere Gerichtsbarkeit auszuüben und die Steuern und Gefälle beizutreiben.

Dann kam der furchtbare Dreißigjährige Krieg, und am Schluss dieses Krieges waren die Tofalls bettelarm. Ich kann hier in diesem Zusammenhang nicht alle die Durchmärsche und Drangsale aufzählen, denen die Bevölkerung von Oerlinghausen und besonders der Tofallsche Hof ausgesetzt waren. Tillysche Truppen und die des Herzogs Christian von Braunschweig haben hier geplündert, Kaiserliche und Schweden haben hier gleichermaßen gehaust, zerstört, gemordet und geraubt, und keine Landesherrschaft konnte helfen. Die Regierung hat in den Jahren 1621 bis 1631 das fremde Kriegsvolk in Oerlinghausen Quartier beziehen lassen, das umliegende flache Land aber verschont mit der Begründung, es sei besser, ein Ort gehe zugrunde, als das ganze Land.

Heinrich Tofall meldete einmal in Detmold einen Verlust von 3600 Talern an. 1629 stand er vor dem Konkurs. Er übergab seine Güter seinem Sohne Johann. 1632 kamen neu Drangsale, alle Häuser und die Kirche, wohin die Bewohner ihre wertvollere Habe gebracht hatten, wurden vollständig geplündert, alles Vieh fortgeschleppt, und Tofall zeigt einen weiteren Schaden von 2000 Talern an. Sein Bruder wurde monatelang in Wiedenbrück in Stock und Block gehalten und starb bald darauf an den Folgen dieser Haft. Um Tofall zu entschädigen, bestimmt Graf Simon Ludwig, dass ihm die Rittersteuer bis zum Betrage von 500 Talern erlassen werden solle. Aber dadurch wurde die völlige Verarmung nicht aufgehalten. Hinzu kam noch, dass ihm das Vogtamt genommen war. Der neu Vogt war Johann Barthausen, ein Sohn des damaligen Meiers Christoph zu Barkhausen, der sich im Jahre 1600 in Oerlinghausen niedergelassen hatte, um Handel zu treiben. Barkhausen richtete nun mit Erlaubnis des Grafen eine Krugwirtschaft ein, und zwar in seinem Hause, jetzt Adolf-Hitler-Straße 53 (Hufendiek). Darüber beschwerte sich 1618 Heinrich Tofall beim Grafen, aber ohne Erfolg. Die Leute tranken ihr Bier beim Vogte, und dadurch verlor der Tofallsche Krug an Bedeutung.

Nach Heinrich Tofalls Tode (um 1640) verwaltete sein Sohn Simon die vollständig verschuldeten Güter. Seine zahlreichen Gläubiger ließen ihm keine Ruhe. So fleißig und sparsam er auch war, so dornenvoll und mühsam war sein Leben, und ständig drohte ihm der Konkurs. Um allen Jammer loszuwerden, verschenkte er all sein Hab und Gut an den Reichskammergerichtsassessor Christoph Johann v. Friesenhausen. Dieser versuchte, mit den Gläubigern fertig zu werden. 12 Jahre lang hat er den Konkurs hinauszuschieben verstanden. Aber 1659 kam es zur Versteigerung der Tofallschen Güter. Wer erstand den Besitz? — Johann Bracht in Oerlinghausen für 3000 Taler. Bracht übernahm die Verpflichtung, Simon Tofall bis an sein Lebensende zu unterhalten. Später müssen Streitigkeiten zwischen Tofall und Bracht entstanden sein, wie das zwischen alt und jung ja heute noch vorkommen soll. 1665 bat Simon Tofall die Regierung, sie möge Bracht anhalten, ihn wieder an seinen Tisch zu nehmen. Aber damals war Tofall schon hochbetagt und hat wahrscheinlich das Gnadenbrot bei Bracht nicht lange mehr gegessen. Das war das Ende der Familie Tofall, die vorher angesehen war und gesicherte Stellung hatte und die erste und vornehmste in Oerlinghausen war; darüber hinaus auch im Lande hohes Ansehen genoß. Simon Tofall war Kaiserlicher Notar und führte als solcher den Wahlspruch: „Tela Jovis semper feliciter cadunt“ („Die Pfeile Jupiters fallen immer glücklich“). Seine Schwester Katharine war mit dem Superintendenten Johann Nagel in Detmold verheiratet.

Ich erwähnte eben, dass Johann Barkhausen Vogt wurde und seine Krugwirtschaft eröffnete. Daneben betrieb Barkhausen auch den Korn- und Leinenhandel. Auch er geriet infolge der Kriegsdrangsale in Konkurs. Den Krug erwarb sein Schwiegersohn Kord Henrich Grote. 1745 kam auch die Grotesche Besitzung zur Versteigerung, und der Krug, der „Zum alten Vogt“ genannt wurde, kam in den Besitz von Henrich Ernst Wistinghausen. Von dessen Sohn erwarb den Krug 1810 ein Lübbertsmeier, und nach vielen Prozessen des Lübbertsmeier (die Prozessakten L. nehmen in unserem Stadtarchiv einen großen Platz ein) erwarb 1863 S. I. Paradies das Haus. Dieser ließ das alte Gebäude abbrechen und neu aufführen. Auf die Kruggerechtigkeit verzichtete er zugunsten des Friedrich Wilhelm Kochsiek, Detmolder Straße. Über Wiskemann und Brand kam das Haus dann 1920 an den jetzigen Eigentümer Ad. Hufendiek.

Nun zu den Brachts. Ich sagte, dass Johann Bracht 1659 die Tofallschen Güter sub hasta erwarb. Dieser Johann Bracht war 1650 nach Oerlinghausen gekommen und 1651 vom Grafen Hermann Adolf zum Vogt der Vogtei Oerlinghausen ernannt worden, nachdem der Vogt Simon Barkhausen entlassen war. Später hat Bracht auch vom Grafen den Titel Landesvogt erhalten. Um eine Legende zu zerstören, muss zunächst betont werden, dass die Brachts hier kein Adelsprädikat geführt haben. Es ist also falsch, von den Herren „v. Bracht“ oder gar den „Grafen Bracht“ zu sprechen. Wahrscheinlich hat das Brachtsche „Schloss“ zu dieser Legendenbildung Veranlassung gegeben.

Aber ein Wappen haben — wie alle alten angesehenen Familien — die Brachts damals geführt, es bestand aus drei Spiegeln, während das seiner Frau aus drei sich in den Schwanz beißenden Fischen bestand. Das Wappen ist in Kachtenhausen bei Herrn Grote gut erhalten zu sehen.

 

Woher Bracht eigentlich stammt, konnte nicht ermittelt werden. Sein Sohn sagt gelegentlich, dass er ein tapferer Kriegsmann gewesen sei. Mit der Beendigung des Dreißigjährigen Krieges wird er auch sein Kriegshandwerk hat aufgeben müssen. Vielleicht war er bei Schluss des Krieges gerade in Detmold und hat sich dort in irgendeiner Beziehung um lippische Belange verdient gemacht. Vielleicht hat er auf seinen Kriegszügen diese Gegend kennengelernt. Genug, beim Grafen zur Lippe stand er in hohem Ansehen. Verheiratet war er mit Christine Elisabeth Witte, einer Tochter des Oberleutnants Konrad Witte zu Varenholz.

Bracht war nicht ohne Vermögen nach Oerlinghausen gekommen. Er vermehrte den von Tofall für 3000 Taler erworbenen Besitz noch erheblich. 1660 kaufte er vom Meier zu Barkhausen unter anderem den vorhin erwähnten Knick und den Oetenhauser Röden mit der Dükersgrund, den später sogenannten Brachts Berg, von dem die Stadt kürzlich einen Teil erworben und dort einen Steinbruch angelegt hat. Dann kaufte er ein Gut in Kachtenhausen mit der jetzt Beckmannschen Mühle. Ich erwähnte schon, dass an dem Korteschen Hause die Wappen Brachts und seiner Frau zu sehen sind. Er erhielt für dies Gut wie für das „sattelfreie“ Gut in Oerlinghausen die Befreiung von allen Lasten. Dann errichtete er eine ganze Reihe neuer Gebäude. Zunächst das sogenannte Brachtsche Schloss, das viele von uns ja noch gekannt haben, es brannte 1901 ab und hatte — wie das Pfarrhaus — keine Nummer. Auch den Krug — jetzt Adolf-Hitler-Straße 61 — erbaute Bracht, und man sieht es noch heute den Sparren und Balken an, dass nichts gespart wurde. Sehenswert ist darin die alte Treppe und der Kamin mit der Jahreszahl 1664. Über dem Hauseingang steht in einem eichenen Balken: „Johann Bracht und Christine Elisabeth Witten haben dieses Haus lassen bauen. Allen die uns kennen, gebe Gott doppelt, was sie uns gönnen.“ — Schon 1653 hatte Bracht vom Grafen Hermann Adolf das Privileg erhalten, Bier zu brauen und Wein und Branntwein in und außerhalb der Grafschaft Lippe zu „versellen“ (engl. to sell). Da das Vogtamt nun bei Bracht lag, wird in seinem Kruge bald der größere Verkehr gewesen sein. Und nach den Gerichtsprotokollen muss es zeitweise im Brachtschen Kruge wie auch in dem Kruge „Zum alten Vogt“ tolle Stunden gegeben haben. Der Branntweinkonsum war wesentlich größer als heute. Und in den Krügen muss damals viel Geld verdient worden sein, denn viele drängten sich später nach einer Konzession. 1810 hatte Oerlinghausen 8 Schenkwirtschaften.

Eine weitere Gnade erfuhr Bracht von dem Grafen zur Lippe im folgenden Jahre (1654), indem ihm ein Exspektanzbrief auf das Vogtamt für einen seiner Söhne ausgestellt wurde. Der frühere Vogt, Simon Barkhausen, besah auch einen solchen Exspektanzbrief. Graf Hermann Adolf bestimmte aber, dass Brachts Söhne vorgehen sollten. Wodurch mag er sich so viel Gnade verdient haben? Er muss nicht nur ein tüchtiger Verwaltungsbeamter gewesen sein, sondern auch ein tüchtiger Finanzmann. Die Grunderwerbungen und Häuserbauten beweisen dies.

1677 starb Johann Bracht; sein einziger Sohn Hermann Adolf, wohl so getauft nach dem Freunde seines Vaters, dem Grafen zur Lippe, wurde sein Nachfolger als Vogt und erhielt gleichfalls den Titel Landvogt verliehen. Johann Bracht hatte seinem Sohne eine für damalige Zeit sehr gute Erziehung angedeihen lassen. Hermann Adolf Bracht muss als ein weitgereister und gebildeter Mann angesprochen werden.

1678 heiratete er Ernestine, eine Tochter des Drosten Jakob Henrich von Zütterich in Schwalenberg, die ihm in vierzigjähriger Ehe 10 Kinder schenkte. Vor dieser Heirat schloss er mit seiner Mutter einen Vertrag, wonach diese auf das ihm gehörige freie Gut in Kachtenhausen ziehen solle. Er sicherte in diesem Vertrage der Mutter die volle Nutznießung dieses Gutes zu, ferner die Zahlung von jährlich 200 Talern und Stellung einer Kalesche und eines Pferdes und zog nach Kachtenhausen. — Die Mutter ging aber bald eine zweite Ehe ein. Sie heiratete den Rittmeister Henrich Stork. Und nun begann ein langwieriger Prozess, der erst mit dem Tode der Mutter endete. Stork behauptete nämlich, seine Frau habe Anspruch auf die Hälfte des Gesamtnachlasses, den er auf 40 000 Taler veranschlagt, weil Johann Bracht mit seiner Frau in Gütergemeinschaft gelebt habe. Seine Frau sei mit dem 1678 geschlossenen Vertrage überrumpelt worden; weil sie weder lesen noch schreiben könne, habe sie die Tragweite des Vertrages nicht zu überblicken vermocht. Wiederholte Einigungsversuche scheitern an der Hartnäckigkeit des Rittmeisters Stork. Sogar das Reichskammergericht in Wetzlar hat sich mit dem Prozess beschäftigt. Ein Urteil ist aber nicht ergangen. Wahrscheinlich kam der Tod der Mutter dazwischen. 1691 nahm Hermann Adolf das Gut in Kachtenhausen wieder in Besitz.

Beim Grafen Simon Heinrich zur Lippe stand Bracht in hoher Gunst. Der Graf wirkte zum Beispiel beim Abschluß eines Vertrages von 1678 mit, kam zu diesem Zwecke extra nach Oerlinghausen und bestätigte den Vertrag. Er wird auch bei Bracht gut ausgenommen worden sein. Und Platz genug für solche herrschaftlichen Besuche war ja in dem großen Schlosse mit seinen Nebengebäuden an Stallungen usw. vorhanden. Wir wissen ja, daß beim Brande 11 Familien im Schlosse wohnten. Auch der Nachfolger Simon Heinrichs zur Lippe, der Graf Friedrich Adolf, war unserem Bracht sehr gewogen, wenigstens im Anfang seiner Regierung. Er kam jährlich in großer Gesellschaft und mit zahlreicher Dienerschaft nach Oerlinghausen, um Bracht zu besuchen. Einmal hatte Bracht 16 Herrschaften und 26 Diener zu verpflegen. Ein andermal erfahren wir, daß bei einem gräflichen Besuche 64 Maß Wein getrunken wurden. Der Bruder des regierenden Grafen machte im Kruge mal eine Zeche von 73 Talern, die er aber Bracht schuldig geblieben ist. Es ging hoch her bei diesen Besuchen. Friedrich Adolf (1697 bis 1718) war derjenige Graf zur Lippe, der das üppige Leben des französischen Hofes unter Ludwig XIV. und Ludwig XV. nachahmte und in seiner Prachtliebe die großen Prunkanlagen der Inselwiese und des Büchenberges ausführen ließ. Gewaltige Summen sind damals am gräflichen Hofe in Detmold verschwendet worden. Ständig war Ebbe in der Hofkasse, und die Kammer hatte keine geringen Sorgen, alles Geld aus dem Lande zu ziehen, um das Luxusbedürfnis des Grafen zu befriedigen. Bracht züchtete für die häufigen gräflichen Besuche „kalekuttische Hähne“, das heißt Puter, und setzte Weinbergschnecken in der Lander aus. Aus seinem Haushaltsverzeichnis geht hervor, daß er ein reiches Silbergeschirr und viele Betten und anderes Mobiliar besaß. Sogar ein Clavichord und eine Viola da gamba, damals recht seltene Musikinstrumente, werden ausgeführt.

Dann kam das Verhängnis. Bracht hatte als Vogt die Steuern und Renten für die gräfliche Kammer in Detmold einzuziehen und drängte 1712 auf Abnahme seiner Rechnung, die ihm die Kammer seit 1701, also seit 11 Jahren, nicht abgenommen hatte. Er behauptete, an die Kammer noch eine Forderung von 3900 Taler zu haben. Da drehte die Kammer, die ja immer in Geldnot war, den Spieß um und erklärte, daß Bracht mit einer erheblichen Summe im Rückstande sei. Sofort wurde Bracht durch gräfliche Beamte verhaftet und in Arrest gesetzt. Sein gesamtes Vermögen, seine Briefschaften und Schuldscheine wurden beschlagnahmt, seine Frau und unmündigen Kinder von Haus und Hof vertrieben, die Möbel an den Meistbietenden verschleudert, seine Oerlinghauser Besitzungen erstand der Sekretär Charles Basse-Fouche, ein Franzose. Währenddessen hielt man ihn 47 Wochen lang in Arrest fest. Als man ihm alle Habe genommen hatte, verlangte man von ihm, daß er Urfehde schwören solle, das heißt, er solle sich verpflichten, nichts gegen das Verfahren des Grafen zu unternehmen. Nach langen Qualen unterschrieb und schwur er endlich alles, was man verlangte, nur um loszukommen. Nach seiner Entlassung fand er in Paderborn, wo seine Frau Zuflucht genommen hatte, ein kümmerliches Unterkommen. Ehemals ein reicher Mann, war er jetzt, dank der landesväterlichen Fürsorge des Grafen und seiner Räte, zum Bettler geworden. Man gewinnt aus den ganzen Verhandlungen ein trostloses Bild von den damaligen Zuständen, besonders von dem Rechnungswesen der Kammer.

Als sich Bracht in Paderborn in Sicherheit wußte, wandte er sich im März 1713 an das Reichskammergericht in Wetzlar, bat um Bewilligung des Armenrechts und um freies Geleit und schließlich um die Verfügung, daß ihm die weggenommenen Güter zurückgegeben würden. Das Reichskammergericht entschied verhältnismäßig schnell, schon im Oktober 1713 brachte ein Bote des Gerichts ein Urteil nach Detmold, über das der fröhliche Graf sicher keine große Freude empfunden haben wird. Es stand darin u. a. zu lesen: „Hierumb so gebieten wir die obgemelten Grafen, daß Du alle weggenommenen Güther und Mobilien — nichts davon ausgenommen — samt Rechnungen, Quittungen, Obligationen und andere Briefschaften, sie mögen Namen haben, wie sie wollen, sogleich dem Kläger restituirest und hiermit gnädigst, daß Du weder selbst noch durch andere Dich an klagendem Bracht noch an den Seinigen ferner vergreifest, ihn und sie auch nicht einkerkerst oder molostirest, sondern sie an Leib und Leben, Ehre und Güthern ohngekränket und ohnbekümmert lässest, als lieb Dir seyn mag, unsere und des heiligen Reiches Ungnade zu vermeiden.“

Der Graf verstand es aber, den Prozeß 4 Jahre lang hinzuziehen. 1717 bestätigte das Gericht das erste Urteil und bestimmte, daß 2 Kommissare die Rechnungen nachprüfen sollten. Am 13. Juli 1718 starb Graf Friedrich Adolf, wodurch die Sache nochmals verzögert wurde. Endlich, im November 1718, 6 Jahre nach dem gewaltsamen Vorgehen der Kammer, wurden Bracht die Oerlinghauser Besitzungen wieder übergeben. Aber in welchem Zustande? Die Gebäude waren vernachlässigt, die Dächer zerstört, das Inventar entzwei. Vom Mobiliar war längst nicht alles mehr vorhanden. So klagt Bracht, daß sein wertvolles Silbergeschirr der Kammerdirektor Schröder von Sternfeld besitze. — Bracht selber war ein gebrochener Mann. Seine Frau war gestorben, seine Häuslichkeit verwüstet. Jahrzehntelang zog sich der Prozeß noch hin. — Bracht starb 1722. Seine 10 Kinder hatten sich in die Hinterlassenschaft zu teilen. Das Kachtenhauser Gut wurde bald verkauft. Den Oerlinghauser Besitz übernahm Brachts Sohn Rudolf Simon Heinrich, der wegen der Erbteilung Kapitalien aufnehmen mußte. So ging es schnell abwärts. Und 1752 kam es zu der bekannten Subhastation, in der 7 Personen die gesamten Besitzungen für 4000 Taler erwarben. (Soweit die Veröffentlichung Reuters!)

In diesem Zusammenhang sei es mir gestattet, auf den Riesenbrand des Brachtschen Schlosses hinzuweisen. — Es war am 31. Juli 1901, also nunmehr vor 35 Jahren, als der gewaltige Bau an einem Sonnabendabend ein Raub der Flammen wurde. Damals brannte es sehr viel in Oerlinghausen. Ein stolzer Fachwerkbau nach dem anderen schwand dahin, und wir Kinder rechneten schon aus, welcher Bau „nun an der Reihe“ sei. Wenn auch nicht alles so kam, wie wir es uns gedacht, im vorliegenden Falle aber traf es zu. Das kam so: Am Sonnabend, dem 31. Juli, waren Telegraphenarbeiter damit beschäftigt, die damals aufkommenden Gestänge für Telefonleitungen auf den Häusern anzubringen. Selbstverständlich unterhielten auch wir uns über diese Neueinrichtungen, genauso, wie sich unsere heutige Jugend um das Segelflugwesen kümmert. Der eine hatte dieses, der andere jenes auszusetzen, zu loben und dergleichen mehr. Schließlich meinte ein älterer von uns Jungen, man solle sich doch die Mühe sparen, das schwere Gestänge auf dem baufälligen Schlosse aufzustellen, das könne ja heute Abend schon abbrennen. Wir alle, vom Schopkebade zum Orte zurückkehrend, waren derselben Auffassung. Niemand ahnte, daß schon nach wenigen Stunden der rote Hahn aus dem Dache züngeln werde.

Es war gegen Mitternacht, als das Nebelhorn des Nachtwächters Stöffel Schütte und der helle Feuerschein uns aus dem tiefen Schlummer aufweckten. Oben im Hause wurde es lebendig. Der „lange Hameier“, bei uns wohnend, stieg schlaftrunken in seine Stiefel, stülpte die Sturmhaube auf, kaute seine Zigarre und polterte die Treppe hinunter. Wie der Blitz fuhren auch wir Kinder in unsere Hosen und traten ins Freie. Feuerrot war der Himmel. Rauch, Dampf, Qualm, Hilferufe! Wir mussten hin! Aber o weh! Die Straße war abgesperrt. Der von uns gefürchtete „M-Fritken“, ein Gendarm, hinderte uns am Weitergehen. Aber recht deutlich sahen wir, wie die Leitern an der Straßenseite, wo der Bau drei Stockwerke zeigte, emporgerichtet wurden, wie Männer hinaufstiegen, die Familie Richter weckten und Kinder hinaustrugen. Es gab ein wirres Durcheinander; denn 11 Familien mussten ihre Habseligkeiten retten. Das Schloss brannte völlig nieder, nur die mächtigen Umfassungsmauern an der Straßenseite blieben zum Teil stehen. Diese mussten später niedergerissen werden. Auf der Trümmerstätte entstand das Gebäude des Konsumvereins. Nur ein Zeuge aus dem Schloss hat sich bis in unsere Tage erhalten: ein prachtvoller Kaminfuß, aus Tönsbergsandstein gemeißelt. Ich habe diesen alten Recken am Kamin im Museum wieder anbringen lassen! Im Museum hängt ferner ein altes Bild von der Einfahrt zum Brachtschen Schloss. Die Aufnahme ist in den 90er Jahren gemacht worden.

Wer waren nun die 7 Käufer der Brachtschen Güter und wie haben sie diese aufgeteilt? Frau Witwe Soll, Adolf-Hitler-Straße 61, ist noch im Besitz eines der Kaufbriefe und hat ihn mir für die Bearbeitung der Geschichte Oerlinghausens dankbar zur Verfügung gestellt. Die nachfolgenden Ausführungen sind also auf Grund dieses Briefes zusammengestellt. Der Kaufbrief stammt vom 28. Juni 1752. Zunächst ist es wichtig, zu erfahren, dass unter den Käufern auch ein Jude war, und zwar der Schutzjude David Jakob. Den Kaufbrief hat der Jude zwar nicht mitunterschrieben beziehungsweise nicht unterschreiben dürfen, weil er eben Jude, das heißt Ausländer, war. Es war die Zeit Friedrichs des Großen, wo man in den Städten nicht gern Juden sah. Friedrich der Einzige hatte folgendes verordnet: „Wir befehlen, dass die schlechten und geringen Juden in den kleinen Städten, sonderlich in denen, so mitten im Lande liegen, woselbst solche Juden ganz unnötig und vielmehr schädlich sind, bei aller Gelegenheit und nach aller Möglichkeit daraus weggeschafft werden.“ Nicht bloß Friedrich der Große erkannte die Juden als Schädlinge am deutschen Volkskörper, sondern auch viele Länderregierungen. Leider wurde das später vergessen! Die Käufer wollen aber dem Juden „Recht“ widerfahren lassen und geben daher folgende verbriefte Erklärung zum Kaufvertrag ab: „Wir Endesunterzeichneten bekunden hiermit, dass obgleich des hiesigen Schutz-Juden David Jacobs Namen in vorgesetzten Kaufbrief nicht exprimiert worden, derselbe gleichwohl als Consorte und Mitkäufer ebenmäßig zu den gekauften Brachtschen Gütern gehöre, und gleiches Recht und Anteil, wie wir benannten Sechs daran haben und also der Siebte von uns Käufern sei. Zu Urkund dessen haben dieses eigenhändig unterschrieben. Oerlinghausen d. 28ten Juni 1752. H. C. Meyer zu Wistinghausen, Johann Dietrich Ebbinghaus, Frans Jost Wöstmann, Johann Kort Dreier, Christian Mencke, Johann Jacob Grothe.“

Mit der Auf- und Zuteilung dieser Güter wird der Kanzleirat Grimmel der gräflichen Regierung in Detmold beauftragt, der die genannten Käufer zu einem Termin geladen und diese „zwischen dem Meyer Hofe Wistinghausen, welcher Gegend die mehrste Länderey gelegen, angetroffen, ist mit selbigen auf das zunächst belegene Stück, die Breitegrund genannt, getreten, und habe nach eröffneter Commission damit den Anfang gemacht . . .“

Die Käufer wurden dann „mittels Überreichung eines loßgebrochenen Erdschollens“ als Eigentümer angesehen. Dann ging's zum Rüden. Auch hier wurde so verfahren. Dann folgte das Holz, die Schmiedes Egge, der Kalterberg und die Dükersgrund. Zum „Symbolo“ überreichte man den Käufern „einen grünen Zweig vom Baume“. Das Brachtsche Besitztum reichte aber noch weiter. Wir hören: „Ferner nach der Wasserfurth, Mittel-Rüden, Kleinen Rüden, das Stück auf der Welligen Kuhle, das Stück auf den Höltgenbäumen, den Kleinen Kamp, die Hofe Wiese und das Hoveland gegangen und gleich wie bei den ersten Stück verfahren, die Langegrund aber in der Senne (Kopp!), weil solche gar zu weit entlegen, nur namentlich mit übertragen.“ Gegen 11 Uhr treffen die Käufer in Oerlinghausen ein, sie besichtigen den „Brachtischen Hof“, das Wohnhaus. Der Schlüssel wird überreicht. Dann geht es in den Krug (heute Soll!). „Auf Verlangen der Käufer sind wir nach den dabei befindlichen Krug gegangen, und habe ich in Gegenwart des Krügers Ebbinghausen und seiner Domestiquen, auch anwesender fremder Fuhrleute, denen Käufern solchen Krug mit allem Zubehör übertragen, anbei den Krüger an jene als Käufern und nunmehrige Eigentümern verwiesen, mit dem Bedeuten, den Krug sofort zu räumen, oder mit denen Käufern, wenn sie wollten, wegen der Heuer von neuem zu kontrahieren, widrigenfalls zugewärtigen, dass er manu forti würde herausgesetzt werden, welcher aber ganz trotzig geantwortet.“ Dann geht's zur Kirche. Pastor Hildebrand soll erscheinen und die Kirche aufschließen, damit den Käufern die Brachtischen Priechen, Kirchenstühle und Begräbnisse übergeben werden könnten. Der Pastor weigert sich. Man schickt zu Küster Voß, der rückt den Schlüssel heraus. Den Käufern werden die Schlüssel zu den Priechen überreicht. Der Landerkotten (Steinbült!) wird ebenfalls übergeben. „Hiermit ist der Actus Commissionis beschlossen und dieses Protocollum loco Relationis darüber abgefasst worden. I. I. Grimmell mp.“