Unsere alten Flurnamen

 

Wie manche alte Sitten und Gebräuche unserer engen und weiteren Heimat im Laufe der Jahrhunderte leider der Vergessenheit anheimgefallen sind, so laufen auch unsere alten schönen Flurnamen Gefahr, mit ihnen dasselbe Los zu teilen, wenn nicht versucht wird, sie in letzter Stunde zu retten, bzw. auf ihre Bedeutung erneut hinzuweisen. Zwar ist in den letzten Jahren im Verein für Natur- und Heimatkunde wiederholt über die alten Flurnamen gesprochen worden, und auch in Zeitungsaufsätzen sind sie gewürdigt worden, trotzdem will ich im Rahmen dieses Buches mich dieser Arbeit noch einmal unterziehen, da auch die Flurnamen in diesem Heimatbuche Berücksichtigung finden müssen. Manche der Flurnamen weisen auf längst ausgestorbene Familiennamen hin (Rödingsfeld), andere erinnern an frühere Tiere unserer Gegend (Wolfseiche), wieder andere daran, dass unsere Vorfahren Kuhhalter waren (Kuhtrist, Kuhbraken) usw.

 

Was bedeuten nun die folgenden Namen?

„Auf der Bleiche“. — Heute sagen wir Sültemeyer. Im Jahre 1818 wurde hier für das Oerlinghauser Leinen eine Bleiche angelegt. Zu dieser Bleiche gehörte später auch die Seiferei in der uns noch bekannten Ölmühle im Schopketal, unweit von Brands Mühle. — Das Wasser wurde der Bleiche durch Röhren vom Triftwegbach zugeführt. Die Brunnen sind dort heute noch zu sehen. Es ist kaum vorstellbar, dass diese Quellen täglich etwa 300 Kubikmeter Wasser liefern.

„Wolfseiche“. — Diese Bezeichnung erinnert an eine große knorrige Eiche, die einstmals zwischen Burggräf (Kastanienkrug) und dem Wehrendeich stand. Unter dieser Eiche versammelten sich die Jäger zur Wolfsjagd. Nach dem Dreißigjährigen Krieg hat man wiederholt Jagd auf dieses Raubtier gemacht. Die letzte Wolfsjagd fand urkundlich 1682 statt. Nicht alle „Eingeladenen“ nahmen daran teil, sodass sie in Strafe genommen wurden.

„Wehrendeich“. — Die Ländereien liegen südlich der heutigen „Wolfseiche“. Hier führten früher Landwehren vom Menkhauser bis zum Barkhauser Berge durch das Gelände. (Siehe weiteres unter Landwehren!)

„Welschen“, wohl von Quelle, das heißt Quellental. (Siehe auch unter Bleiche!) (Vergleiche Wellenkrug, Wellenbruch.)

„Auf dem Winkel“. — Das sind die Ländereien zwischen Friedrichstraße, Robert-Koch-Straße, Steinbült und der oberen Holter Straße. In der Tat bildet diese Gegend einen scharfen Winkel. Wir finden ihn schon auf der Duboisschen Karte verzeichnet.

„Steinbült“. — Bült ist ein Hügel; Steinbült also steiniges, hügeliges Gelände.

„Ziegenstraße“. — Unwillkürlich glaubt man, hierher seien in früherer Zeit die Ziegen zur Senne getrieben oder die Anwohner hätten über die Maßen Ziegenzucht betrieben. Dem ist aber nicht so. Die Vorsilbe des Straßennamens ist dadurch entstanden, dass man die plattdeutsche Namensbezeichnung für diese Straße, nämlich „Suigen“, unter Verkennung des Sinnes verhochdeutschte. „Suige“ heißt aber soviel wie niedrig, abschüssig. Man mühte sie allenfalls „Niedere Straße“ nennen.

„In der Lander“. — Westlich der Lander waren Landwehren (siehe unter Landwehren!).

„Schopke“. — Von den nicht Ortseingesessenen wird Schopke häufig mit „b“ geschrieben. Auch in unserm für die 900-Jahr-Feier geschriebenen Theaterstückchen spielt das „Schobachtal“ eine Rolle. Die Deutung muss also wohl eine zwiefache sein. Wir denken bei Schopke an Schopbeke, das heißt an einen Bach, an dem die Schafe (Schope) gehütet wurden. Wir alle wissen noch, dass Menkhausen, der Jakobs- und Bartholdskrüger, aber auch Sültemeyer große Schafherden hatten. Diese wurden häufig im Schopketale gehütet. Die anderen leiten Schopke von „Scho“ steiles Ufer ab. Die Ufer sind in der Tat stellenweise sehr steil.

„Unter der Wehme“. — Sie ist gleichbedeutend mit unserer heutigen Pfarrstraße. Wehmland ist Pfarrland. Unter der Wehme wohnten vor 200 Jahren die „Neubauer“, das heißt diejenigen Leute, die sich neu ansiedelten. (Siehe auch unter Kantor Voß!)

„Gehrenberg und Gehrenkamp“. (Siehe unter Schlagbäume!) Der Gehrenberg ist eine steil abfallende Straße zum Bruch.

„Köttelbrink“. — Er liegt der Wehme und dem Gehrenberg gegenüber und reicht von Nagel bis Hofbüker. Heute ist das Gelände nicht mehr bebaut. 1699 standen dort 8 Häuser. Alle sind an einem Tage niedergebrannt. In unserer Oerlinghauser Geschichte treten wiederholt Familien mit dem Namen „Köttelbrink“ auf.

„Helle“ oder „Hellkuhle“. — Weiter nordwestlich von Oerlinghausen stoßen wir im Schopketal auf die Helle. Helle ist ein steiler Abhang. (Siehe auch unter Hellkamp!)

„Breite Kamp.“ — Er liegt zwischen der Holter Straße und den Vorkuppen des Tönsberges. Es sind Ländereien, die vielleicht früher mit zur Vogtei gehörten.

„Gödderstraße.“ — Sie ist die steil abschüssige Twete, die von der Kirche zum Steinbült führt. Bei regnerischem Wetter „göddert“ das Wasser schnell hinunter.

„Burghagen.“ (Siehe auch unter Oerlingsburg!) — Der Burghagen liegt diesseits der Jugendherberge. Dort war wahrscheinlich die Burg des Oerls, von einem Hagen, einer Hecke, eingeschlossen.

„Pieperweg.“ — An den Burghagen schließt sich am Südhange des Tönsberges entlang der Pieperweg an. Er hat seinen Namen von den hölzernen Wasserleitungsröhren, auch Piepen (Pfeifen) genannt. In der Adolf-Hitler-Straße wurde noch vor Jahren eine solche „Piepe“ aus dem Boden gezogen (Süllwald). Ich hatte mir eine Holzpfeife reservieren lassen für das Museum. Als ich später darauf zurückkam, war sie leider in Brennholz verwandelt. Die Röhren waren etwa von der Stärke eines Telegraphenmastes.

„Rebbersche Steinkuhle.“ — Gehen wir den mittleren Weg am Südhange des Tönsberges entlang, so stoßen wir in der Mitte zwischen Berlitz und dem Hitlerheim auf einen Steinbruch, das ist der sogenannte Rebbersche Steinbruch. „Rebbersch“ heißt rietbergisch. Die Rietberger holten von hier ihre Steine zum Häuserbau.

„Schlinge.“ (Siehe unter Landwehren!) — Wenn wir von Schlinge reden, denken wir an den Schling zwischen Barkhauser und Wistinghauser Berg in der Wistinghauser Schlucht.

„Papengeuen.“ — Diese alte Flurbezeichnung bezieht sich auf das heute bebaute Gelände zwischen Amtsgarten, Apotheke und Hermannstraße. Die Ländereien gehörten 1696 zur Pfarre, man könnte also annehmen, dass „Papen“ sich auf Pfarre bezieht. Andererseits kann man auch an den Papagei denken. Die Schützen haben hier vor Jahrhunderten ihre Feste gefeiert und nach einem bunten Vogel, dem Papagei, geschossen. Der Brunnen neben der Apotheke weist auf dieses Schützenschießen hin. Wir sehen einen Papagei auf der Stange, der vermittels einer Armbrust heruntergeholt werden soll. Der Brunnen bildet eine Zierde der Stadt.

„Bockstraße.“ — So wurde früher die Hermannstraße genannt. Sie führte zu einem mächtigen Baum, Buche oder Boke, die auf alten Zeichnungen von Oerlinghausen nie vergessen wurde. Danach muss sie ein Prachtexemplar gewesen sein. Unter der Buche wurde auch mal das Schützenfest gefeiert.

„Dükersgrund.“ — In Verlängerung dieser Straße stoßen wir auf Dükersgrund. Düker kommt wohl her von „Deuker“ Teufel.

„Röhen“ oder Röden. — Der ganze Röden ist früher bewaldet gewesen. Dann wurde dieser ausgerodet, daher der Name. Bei Menkhausen gibt es eine ähnliche Bezeichnung 1595: „Auf dem Rott“.

„Kalterberg.“ — Der Name bedarf keiner Erklärung, er ist eben der kalte, im Schatten gelegene Berg. Er liegt zwischen Hermannstraße und Detmolder Straße und reichte früher bis zum Hindenburgplatz.

„Howe.“ — Sie befindet sich nördlich der Adolf-Hitler-Straße, etwa vom Schulgrundstück bis zum Gehrenberg. Howe kommt her von Hufe, das ist ein Ackermaß. Die Howeländereien gehörten auch zu den Bracht'schen Gütern.

„Breitars“ — „Breitesk“ oder auch „Breitees“ genannt sind die Ländereien dem Friedhof gegenüber bis zur Marienstraße. Es handelt sich um eine große, breite Fläche. Esk bedeutet nach Jellinghaus soviel wie Feldflur.

„Jagdstaken.“ — Ein etwa 1 Meter hoher Stein, der Südwestecke der Kirchhofsmauer gegenüber, vor der Gärtnerei Kindsgrab, hat diese Bezeichnung. Bis zu diesem Stein (Staken) reichte die gräfliche Jagd. Die eine Seite des Steines zeigt die lippische Rose.

„Grüte“ kommt her von Grutt. — Wir verstehen darunter eine Menge kleiner Steinchen, die in der Tat dort sehr stark an der Oberfläche liegen.

„Kuhbraken“ heißt Kuhbrache, das ist Ödland, Weideland für die Kühe.

„Meßdohr.“ (Siehe unter Schlagbäume!)

„Boksiek.“ — „Siek“ ist immer eine feuchte Niederung. Bei Menkhausen gibt es eine feuchte Gegend, die den Namen „Im Siet“ führt. Bok heißt soviel wie Buche. (Siehe auch Bokstraße!) Boksiek ist also genau übersetzt eine feuchte Buchenniederung.

„Die Mangel“ war jener stolze Fachwerkbau an der Adolf-Hitler-Straße 7 (Langewort). Die Mangel diente zum Glätten der Leinewand.

„Gauseflucht.“ — Es handelt sich um Ländereien zwischen der Steinbruchstraße und dem Oetenhauser Wege. Hier war früher die Gänseweide.

„Stöhnebrink.“ — Wir unterscheiden heute einen alten und einen neuen Stöhnebrink. Der alte Stöhnebrink ist die geradlinige Fortsetzung der Bahnhofstraße an Barkhausen vorbei. Er war der Leichenweg der Asemisser.

„Wellenbruch“ ist ein welliges Gelände, welches zu Niederbarkhausen gehört. Bruch ist ein feuchter Wald.

„Hannegge.“ — Sie ist der nördliche Bergrücken, die hängende Egge oder langgezogene hohe Egge bei Gut Menkhausen.

Hiermit glaube ich, so ziemlich alle Flurbezeichnungen von Oerlinghausen berücksichtigt zu haben. An uns liegt es nun, sie der Nachwelt zu erhalten.