Kohlenbergbau in Oerlinghausen
Auszug aus dem goldenen Buch der Stadt Oerlinghausen von August Reuter
Vor etwa 65 Jahren, d.h. also um 1865 wurden auf der Hauptstraße zwischen dem Amtsgarten und Gehrenberg Pflasterarbeiten vorgenommen, bei denen unter dem Pflaster Steinkohlen von vorzüglicher Beschaffenheit zu Tage kamen. Etwa 40 Jahre später fand man gelegentlich eines Hausbaus an der Hermannstraße bei den Ausschachtungsarbeiten abermals Kohlen. Auch unter der Howe sind mehrfach Kohlenstücke ausgegraben.
Diese Beobachtungen beweisen, daß in und bei Oerlinghausen ein Kohlenflötz an die Oberfläche tritt, das von Dammerde und Gehängeschutt verschleiert ist. In früheren Zeiten hat man natürlich ähnliche Beobachtungen gemacht. Das hat Anlaß dazu gegeben, daß man wiederholt versucht hat, mit Bohren und Schürfen, mit Stollen und Schächten das Kohlenflötz zu er schließen und nutzbar zu machen.
Die hiesigen Kohlen gehören nun nicht, wie hier vorab bemerkt werden muß, der sogenannten Steinkohlenformation an, die im Ruhr- und Saargebiet die Kohlen liefert; die Oerlinghauser Kohle ist viel jünger, sie liegt im Wälderton oder dem Wealden und ist gleichaltrig mit der Kohle, die bei Obernkirchen gewonnen wird.
Der erste Versuch, die Kohle in Oerlinghausen bergmännisch zu gewinnen, wird 1592 unternommen. In diesem Jahr zeigt Rembert Köller aus Jülich dem Grafen zur Lippe an, daß bei Oerlinghausen Kohlen vorhanden seien. Er bat um die Erlaubnis, sie auf seine Kosten abzubauen. Der Graf gestattete ihm, mit 3 Gesellen ein Jahr lang zu arbeiten, und versprach ihm eine Beihilfe von 40 Thalern. Dies Unternehmen muß wohl ergebnislos verlaufen sein, denn wir hören weiter nicht von ihm.
Graf Simon VI war darüber aus, alle im lippischen Lande vorkommenden nutzbaren Mineralien aufsuchen zu lassen. Er legte um 1600 in verschiedenen Gegenden des Landes Bergwerke an, so bei Falkenhagen, wo Schwefelkies, bei Rotensiek wo Bleiglanz, und bei Oerlinghausen, wo Steinkohle gefunden war. Die Bergleute, die das Oerlinghauser Bergwerk einrichten sollten, ließ der Graf vom Harze kommen; die Leitung lag in den Händen des Bergmeisters Georg Starke. Als Steiger war Baltzer (wohl von Baltarsar) Starke tätig. Die Zahl der Bergleute schwankte; sie betrug aber selten mehr als sechs.
Der Bergmeister setzte an zwei Stellen an, über deren Lage wir leider nichts näheres erfahren. Es wurden Stollen getrieben und Schächte abgeteuft, und neben der Grube, welche den Namen "Simon" erhielt, wurde für den Bergmeister ein Haus gebaut. Das für den Stollenbau nötige Grubenholz mußten die Höfe der Umgegend, Menkhausen, Asemissen, Frohne, Barkhausen und Wistinghausen liefern. Taten sie das nicht, so nahm es der Bergmeister, wo er es fand, und verklagte sie außerdem beim Grafen.
Anfangs schien die Sache Erfolg zu versprechen; so erfahren wir, daß der Bergmeister einmal 30, ein anderes Mal 50 Scheffel guter Kohle gewonnen hat. Aber die Ausbeute muß im ganzen doch zu gering gewesen sein, sonst würde der Graf die Sache nicht mit dem Jahre 1611 aufgegeben haben. Die Bergwerksrechnungen beginnen 1605 und enden 1611, das Unternehmen hat also 6 - 7 Jahre gedauert.
Zu den Bewohnern von Oerlinghausen standen die Bergleute nicht im besten Einvernehmen. In den Wrugeregistern kommen viele Klagen über die Bergleute vor, manchmal beklagen sich die Bergleute "mauch über die Bewohner. Der Bergmeister klagt u.a. darüber, daß ihm die Winnen (= Winden ?) und Pipen (= Pfeifen, d.h. Holzröhren zur Ableitung des Wassers) in die Grube geworfen sind; er beschuldigt Henrich Blome, ihm Holz weggenommen zu haben und klagt über den Pastor, welcher Blome öffentlich von der Kanzel entschuldigt habe. Die Dorfschaft Oerlinghausen klagt dagegen, daß der Bergmeister in der Nacht die Dorfstraße auf- und abgeritten sei, gefolgt von einigen Berggesellen mit blanken Rapieren; sie haben einen großen Lärm angerichtet und die Oerlinghauser Bewohner mit ehrenrührigen Worten angegriffen u.a.m. Nachdem der Bergbau aufgehört hatte blieb der Bergmeister Georg Starke in Oerlinghausen wohnen. Er wurde nun zur "Dörfer - Dracht" und herrschaftlichen Lasten und Diensten herangezogen wie die anderen Bewohner. Seine Nachkommen lassen sich zwei Jahrhunderte lang in Oerlinghausen nachweisen; sie haben aber ihren ursprünglichen Namen Starke eingebüßt und werden immer Bergmeister genannt.
Nach diesem ersten Versuche ruhte die Sache anderthalb Jahrhunderte. Dann wurde 1770 unter Leitung des Drosten von Exterde ein neuer Versuch gemacht, der fehlschlug wegen Mangel an Geld.
Im Jahre 1786 berichtete der Kammerassessor von Hüllesheim an die Rentkammer, daß vor 18 bis 20 Jahren am Schopkebache in der "Hellkuhle" ein Stollen getrieben worden sei. Auf der Halde dieses Stollens habe er noch Spuren von Kohlen gefunden. Einige hundert Schritte davon entfernt - nach Oerlinghausen zu - sei ein Schacht angelegt, der zur Zeit mit "Wipen" zugeworfen sei, und auf dessen Halde sich gleichfalls viele Kohlenbrocken fänden. Infolge dieses Berichts beschloß die Rentkammer, an dieser Stelle den Betrieb wieder aufzunehmen.
Man ließ Bergleute aus Minden kommen, die den Stollen weiter vortrieben und ein Kohlenflötz von 8 Zoll Mächtigkeit fanden. Ein Quergang erschloß dann 3 weitere Flötze von 2, 5 und 7 Zoll Mächtigkeit. Schließlich wurde im Jahre 1790 noch ein 12 Zoll starkes Flötz angegriffen. Bald darauf aber gab man das Unternehmen als aussichtslos auf. Nach der Einstellung des Betriebes meldete sich Adolf Nagel Nr.5, auf dessen Lande in der Helle nicht weit vom Menkhauser Kirchwege der Schacht abgeteuft war, und bat um Beseitigung des geförderten Gesteins und Ausfüllung des Schachtes.
Zu gleicher Zeit hatte man auch im Dorfe selbst oberhalb des Amtsgartens nach dem Tönsberge zu Bohrversuche angestellt, bei denen man gleich unter der Dammerde und auch noch in 5 Meter Tiefe Kohlen fand. Weiterhin aber verloren sich alle Anzeichen, sodaß man auch diesen Betrieb bald wieder einstellte. Wir können leider heute die genaue Stelle dieser Versuche nicht mehr feststellen; vielleicht verdanken wir ihnen die Felsenkeller im Hause Tönsbergstraße Nr.3 und neben dem Hause Hermannstraße Nr.2, vielleicht auch den Brunnen an der Ecke Hermannstraße und Jägerstraße neben der Heißenbergschen Möbelfabrik.
Etwa 10 Jahre später, also um 1796, sind unter der Leitung eines Bergfaktors Retberg an anderen Stellen Bohr- und Schürfversuche angestellt, über die sich keine genauen Nachrichten erhalten haben. Günstige Ergebnisse sind offenbar auch hierbei nicht erzielt worden.
Dann wurden die Arbeiten 1814 zur Zeit der Fürstin Pauline wiederaufgenommen, und zwar diesmal in großen Maßstabe unter der Leitung des Bergfaktors von Natorp aus Paderborn. Am Nordabhange des Tönsberges oberhalb Wistinghausen, ferner in der Dükersgrund und auch im Dorfe selbst, ja bis zur preußischen Grenze nach Gräfinghagen zu wurden an zahlreichen Stellen Bohrversuche angestellt, Stollen getrieben und Schächte abgeteuft, wobei man fast stets auf Kohlen stieß, sodaß es wahrscheinlich wurde, daß ein durchgehendes Kohleflötz vorhanden sein müsse.
Schließlich fing man an, von der Grüte einen Stollen gegen den Tönsberg vorzutreiben, um dieses vermutete Flötz von unten zu fassen, gab das aber bald wieder auf. Man trug sich auch mit dem Gedanken, einen Stollen quer durch den Tönsberg zu legen, um das Kohleflötz womöglich auch auf der Südseite des Berges zu fassen, wo es, wie wir jetzt wissen, sicher nicht vorhanden ist. Von diesem Riesenwerk hat die Fürstin Pauline Abstand genommen; bis zur Mitte des Berges ist aber einmal ein Stollen vorgetrieben. Wo der Anfang dieses Stollens war, steht ebenfalls nicht fest. Ein Gutes haben diese Versuche gehabt: Sie brachten den Aufschluß des bituminösen Schiefervorkommens am Tönsberg. Eduard Busses Bemühungen zur Verwertung des Oelschiefers sind noch in unserer aller Erinnerung. Von der Metallbank in Frankfurt (Main) sind durch die hiesige Rekord - Zement - Industrie weitere Versuche zur industriellen Ausnutzung des Tönsberg - Oelschiefers gemacht worden. Das Werk liegt aber seit 1928 still.
Ein anderes Ergebnis, das sich ebenfalls bis in unsere Tage auswirkte, hatten die Kohlenbohrungen in der Dükersgrund [Fußnote: = Teufelsgrund. Im lippischen Platt ist "Grund" immer weiblich, also die breite Grund usw.]. Dort wurde eine starke Quelle gefaßt, die später für Bäder ausgenutzt wurde. 1860 bildete sich in Oerlinghausen eine Aktiengesellschaft, der u.a. Carl Stölting, Hauptstraße 20, Kolonats-Nr.52, und der Maurermeister August Richter angehörten. Der letztere hatte von der Dorfschaft den Sandsteinbruch am Tönsberg billig gekauft, den ich Ende 1928 von Hillecke & Co. in Bielefeld für 2000 M für die Stadt zurückerworben habe. Auf dem Quellgrundstück unterhalb dieses Sandsteinbruchs wurde 1860 ein Kaltwasserbad von der oben erwähnten Aktiengesellschaft errichtet. Im Jahre 1863 verkaufte die Aktiengesellschaft diese Badeanstalt an C. Stölting, der bald darauf ein vollständig neues Haus errichtete und auch gärtnerische Anlagen ausführen ließ. Der damalige Oerlinghauser Arzt Dr. Caspari unterstützte das Badeunter nehmen, er verordnete viel Wannen- und Duschbäder und kalte Gußbäder, auch Fichtennadel- und Dampfbäder wurden auf seinen Rat verabfolgt. Während Anfangs nur für die Badegäste Erfrischungen bereitgehalten wurden, erhielt Stölting 1871 für die Badeanstalt die allgemeine Wirtschaftskonzession. Später wurden meist Solbäder verabreicht. Nach Stölting war Richter Alleinbesitzer. Um 1890 pachtete der frühere Landwirt Eduard Bolhöfer, der seine Besitzung, jetzt Hauptstraße 12, zum Teil an die Schule, zum Teil an Selig Meyer, Plüschfabrik, jetzt Theopold - Hauptstraße 10 verkauft hatte, die Badeanstalt in der Dükersgrund. Bolhöfer legte sein Hauptaugenmerk mehr auf die Schenkwirtschaft und nicht auf die Baderei. So ging unter ihm die Badeanstalt allmählich ein. Anfangs hatte er in seiner Wirtschaft guten Zuspruch. Er galt als guter Jäger, und wegen seiner Jagdleidenschaft wurde Bolhöfer allgemein der "Wilde Jäger" genannt. Dieser Name übertrug sich auf das Haus in der Dükersgrund, das die Kolonats - Nr. 148 führt und heute im Besitz des Kaufmanns Otto Simon - Berlin-Lankwitz ist. Zur Zeit wird es von 4 Familien bewohnt, die Unterpächter der Firma Carl Weber & Co. sind.
Nach dieser Abschweifung kehre ich nochmals zu unserem Kohlenbergbau zurück. Ich will noch kurz erwähnen, daß bei den Bohrversuchen auf Veranlassung der Fürstin Pauline außer dem Bergfaktor von Natorp auch der Berghauptmann von Reden auf Wendlinghausen bei der Auswahl der in Angriff zu nehmenden Stellen mitwirkte. Ferner gab der bekannte Göttinger Mineraloge Professor Hausmann wiederholt Gutachten über das Oerlinghausener Kohlenvorkommen ab, mit denen er nach unserer heutigen Kenntnis der Lagerungsverhältnisse im wesentlichen das Richtige getroffen hat. Auch ein Gutachten des Oberapellationsrats von Strambeck zu Wolfenbüttel befindet sich bei den Akten.
Die Fürstin Pauline verfolgte den Gang der Dinge mit lebhaftem Interesse. Aber auch in diesem Falle war alle Liebesmühe umsonst. An keiner Stelle erreichte das Kohlenlager eine Mächtigkeit von mehr als 12 Zoll, und diese auch nur an einzelnen Stellen. Man gewann schließlich die Überzeugung, daß kein einheitliches Flötz von durchgehender Mächtigkeit vorhanden war und daß das Vorkommen der Kohle in und bei Oerlinghausen nur ein nesterartiges ist. Im Jahre 1822 gab man deshalb nach achtjähriger vergeblicher Arbeit die Sache auf. Versuche unter der Howe vor etwa 25 Jahren haben auch keine Kohlen erschlossen. Höchstens ein Körbchen voll wurde gefunden.
Wir werden uns damit abfinden müssen, daß in absehbarer Zeit ein lohnender Kohlenbergbau bei Oerlinghausen nicht möglich ist. Vielleicht kommt dermaleinst auch die Oerlinghauser Kohle noch zu Ehren, wenn mal die westfälischen Kohlenvorräte erschöpft sind. Dann wird man allerdings wesentlich tiefer - wohl an die 2000 Meter - bohren müssen.