Das Mariannenstift

Im Mariannenstift erblickten viele Kinder der Bergstadt das Licht der Welt. In den Weltkriegen pflegte man hier verwundete Soldaten

 

[Bild: Geburtsort: Im Mariannenstift- hier eine alte Aufnahme vom Anfang des 20. Jahrhunderts -wurden viele Oerlinghauser Kinder geboren. Im Hintergrund ist das Kiffestift zu sehen. | © Horst Biere]

Oerlinghausen. Als das Mariannenstift 1893 gebaut wurde, trugen Oerlinghauser Babys Namen wie Karl, Wilhelm, Friedrich oder Hans bei den Jungen, die Mädchen hießen Anna, Martha, Frieda oder Emma. Als die letzten Babys hier Ende der 1960er Jahre zur Welt kamen, waren die häufigsten Jungenvornamen Thomas, Stefan, Michael oder Jan. Bei den neugeborenen Mädchen lagen Claudia, Anja, Nicole oder Katrin ganz vorn.

Wer in Oerlinghausen in den letzten 100 Jahren geboren wurde, der hatte gute Chancen, im Mariannenstift das Licht der Welt zu erblicken. Ungezählte Kinder der Bergstadt wurden in dem grauen Natursteinhaus an der Robert-Koch-Straße abgenabelt. Heute ist das gut renovierte Gebäude an der Einmündung zum Steinbült ein Teil des Evangelischen Altenzentrums Dabei lautete Postadresse bei der Eröffnung im Jahre 1893 noch Stiftstraße, denn zu Kaisers Zeiten beherrschten zwei große Bauwerke die damals schmale Straße am Schützenplatz: das Kiffestift, das 1888 vom Bremer Kaufmann F.W. Kiffe gegründet wurde und das Mariannenstift. Und eröffnet wurde das Mariannenstift auch nicht gleich als Entbindungsheim, sondern als kleines Krankenhaus.

Der Bielefelder Leinenhändler Carl David Weber, der im Jahre 1850 nach Oerlinghausen zog und hier zu Wohlstand kam, ließ es für 30.000 Reichsmark bauen und gab dem Krankenhaus den Namen nach seiner verstorbenen Frau Marianne. Er rief zur Unterhaltung des Krankenhauses die Mariannenstiftung ins Leben. In den Statuten legte Weber fest, dass die Zinsen aus dem Stiftungskapital zu zwei Dritteln für die Entlohnung einer Gemeindeschwester (Krankpflegerin) verwendet werden müsse. Verschiedene Ärzte und einige Krankenschwestern, betreuten die Kranken aus Oerlinghausen und Umgebung in derzeit um die Jahrhundertwende.

Im ersten Weltkrieg änderte sich die Situation des Mariannenstifts ganz erheblich. Als Oerlinghausen 1915 den Titel Garnisonsstandort erhielt und das 145.

Infanterieregiment seine Soldaten hier wieder auf den Kriegseinsatz an der Westfront vorbereitete, erklärte man das Stift zum kaiserlichen Militärlazarett. Voll belegt wurde das Haus bis Ende 1918 mit verwundeten Soldaten.

Carl Weber, Sohn des Gründers Carl David Weber, starb 1923, und das Mariannenstift ging an die Fabrikantenfamilie Müller über, die die Trägerschaft einem Kuratorium unterstellte. Zur reinen Entbindungsstation wandelte man das Haus erst im Jahre 1935 um. Bei normalen Geburten leistete lediglich eine fest angestellte Hebamme die Geburtshilfe, nur in schwierigen Fällen wurde ein Mediziner hinzugezogen - oftmals der Arzt und Geburtshelfer Paul Rieso aus Oerlinghausen.

Aber ein weiteres Mal spielte der Krieg eine entscheidende Rolle für das Mariannenstift. Von 1942 an belegten mehr und mehr verwundete Soldaten des zweiten Weltkriegs die Betten des Hauses. Und ganz dramatisch entwickelte sich die Lage des Stifts, als im heiß umkämpften Oerlinghausen in den letzten Kriegstagen hier die verwundeten deutschen Soldaten notversorgt wurden.

1945 DRAMATISCHE LAGE

Ostern 1945 als die Kämpfe in der Bergstadt tobten und viele Häuser in Brand geschossen wurden, verschonten die Alliierten das Mariannenstift, das zu diesem Zeitpunkt übervoll mit Verwundeten war. Dann aber, nach dem Einmarsch der Alliierten, nutzten die Amerikaner das Haus als Lazarett vor allem für die eigenen Verwundeten.

Schließlich endete auch dieses Kapitel und im Nachkriegs-Oerlinghausen wurden wieder viele Kinder im Mariannenstift geboren. Gerade die Babys der geburtenstarken Jahrgänge Anfang der 1960er Jahre kamen durchweg an der Robert-Koch-Straße zur Welt. Manche der Betten in dem dreistöckigen Haus waren aber auch stets kleineren Krankheitsfällen vorbehalten, und im Obergeschoss lebten einige ältere Mitbürger.

Doch im Zuge einer schnellen Verkehrsverbindung zu Bielefeld mit seinen großen Krankenhäusern und modernen Neugeborenenabteilungen wählten immer mehr Oerlinghauser Familien eine Entbindung mit verbesserter medizinischer Versorgung. Im Jahre 1969 dann ertönte das letzte Babygeschrei in dem kleinen Krankenhaus. Die Entbindungsstation wurde geschlossen.

Mariannenstift - die jüngste Zeit

Im Mariannenstift versorgte und pflegte man ab den 1970er Jahren ältere Menschen. 1991 erfolgte die Auflösung der gemeinnützigen Stiftung und die Abtretung des Hauses an die Stadt Oerlinghausen und die evangelisch reformierte Kirche. 1994 entschied der Vorstand der Kirchengemeinde Oerlinghausen unter der Leitung von Erich Diekhof, ein neues Altenheim unter Einbeziehung des Kiffestiftes und Mariannenstifts zu errichten. 1996 nahm das neue Evangelische Altenzentrums Oerlinghausen seinen Betrieb auf. Die Ev. Altenzentrum Oerlinghausen gGmbH, beschloss 2011 eine Erweiterung. Dieser Neubau zwischen dem Kiffe- und Mariannenstift wurde Ende 2012 fertiggestellt.