Der Lupinenkrug in der Oerlinghauser Senne

Von Elisabeth Westerheide

 

[Bild]: Der Lupinenkrug / Zeichnung von Adolf Westerheide. Nach einem Aquarell von Rudolf Seiler, Bielefeld.

 

Vorbemerkung:

Der nachstehende Artikel ist mit Genehmigung der Verfasserin der Sondernummer der Oerlinghauser Schülerzeitung „Die Penne“ entnommen. Elisabeth Westerheide hat zum Abschluss ihrer dortigen Schulzeit eine Sondernummer herausgebracht unter dem Titel: „Einige alte Saiten auf den Oerlinghauser Bilderbogen neu aufgezogen“. Sie schildert in editorischer heimatlicher und familiärer Verbundenheit die Geschichte des Bartholdskruges, des Lupinenkruges und der alten Oerlinghauser Vogtfamilie Bracht. Ihr Bruder Adolf Westerheide, der im vorigen Jahre ebenfalls eine Sondernummer der Schülerzeitung herausgab (s. „Heimatland Lippe“ 1963 S. 158), hat das diesjährige Heft mit einigen gelungenen Federzeichnungen geschmückt. Der Lippische Heimatbund begrüßt es sehr, wenn sich die Jugend in solch liebe- und sinnvoller Weise um Natur und Geschichte der Heimat bemüht und wird ihr gern Raum in seiner Zeitschrift geben. Von dieser letzten Sondernummer sind noch einige Hefte zum Selbstkostenpreis von 1,— DM beim Stadt-Gymnasium Oerlinghausen zu haben.

Jahrhundertelang ist die Senne nur „Niemandsland“ zwischen der Grafschaft Lippe und den südlich angrenzenden Herrschaften, dem Fürstbistum Paderborn, der Grafschaft Rietberg und der Grafschaft Ravensberg gewesen. Außer den Durchgangsstraßen, die allerdings eine große Bedeutung hatten, und der damit verbundenen dürftigen Ansiedlung von Krügen oder Gasthöfen ist sie kaum bewohnt gewesen. Mannshohe Heide und stellenweise mächtige Eichen waren der Hauptbewuchs.

Pastor Melm, Augustdorf, schreibt in einem Aufsatz, veröffentlicht im Lippischen Magazin für das Jahr 1835:

„Wer um das Jahr 1775 die Straße von Schlangen nach dem Bartholdskrug und Oerlinghausen durch die Senne kam, der musste an der Südseite des Teutoburger Waldes, der bekannten Dörenschlucht, vorbei, einen Weg von 2 Meilen (1 Meile ca. 7,5 km) zurücklegen, ohne auf demselben auch nur eine einzige Menschenwohnung, ohne ein angebautes Feld, ohne einen Baum oder Strauch, ohne etwas anderes anzutreffen, als Heide; denn wohl nur selten hatte einer, und nicht einmal der Ortskundige, das Glück, den Weg über den Schapeler zu finden, einen in der Nähe des Waldes, in einer Vertiefung der weiten, von Wegen viel durchschnittenen Heide, wie verloren angebauten Hof. Wen die Nacht oder wen Nebel oder Schnee überfiel, der war übel daran in der wüsten Senne. Ältere Bewohner unserer Gegend, welche zu jener oder vor jener Zeit des Wegs gekommen sind, wissen davon noch manches und mitunter gar Abenteuerliches zu erzählen.“

Gute Bienenweide war allerdings die Senne. Zur Zeit der Heideblüte brachten die nördlich wohnenden Bauern ihre Bienenstöcke. Bis in die letzten Jahre gab es bei uns auf dem Hof noch „Bienenschauer“, unter die die Imker gegen geringes Entgelt ihre Völker stellten, damit die Bienen gegen „Schauer“ (Regen) geschützt waren.

Zur Hude wurde sie auch genutzt. Einige Höfe am Nordhang des Teutoburger Waldes richteten in der Senne Schäfereien ein. Aber auch die Oerlinghauser ließen hier ihr Weidevieh (Kühe und Ziegen) hüten. Die ältere Generation weiß noch, wie die Hirten die Herden sammelten, mit ihnen in die Senne zogen und sie dort hüteten. Alte Oerlinghauser Straßenbezeichnungen lassen noch darauf schließen: Ziegenstraße (jetzt Niedernstraße), Kuhtrift (jetzt Triftweg), Hudeweg, Saugrund.

Landwirtschaftlich genutzt hat man die Senne erst wesentlich später. Wie mühevoll das war und noch ist, merken wir selbst immer wieder, wenn die Schwarz-wurzeln sich nach wenigen Zentimetern waagerecht im Sand zur Seite ziehen, weil an manchen Stellen der Ortstein bis an die Oberfläche reicht und die Wurzeln nicht durchlässt; wenn nach wenigen heißen Tagen die vorher noch saftig stehenden Kartoffeln ihr Laub welk hängen lassen.

Es ist hier viel Pionierarbeit geleistet worden; denn bis der gelbe Mauersand sich langsam dunkel färbt, ist mancher Tropfen Schweiß geflossen. Diese Kultivierungsarbeiten, die Urbarmachung eines ganzen Landstriches, die Schaffung von Lebensraum für Zehntausende kann sich wohl messen mit der Arbeit jener Männer, die an den Küsten dem Meer Land abgewonnen und Köge geschaffen haben.

Es war damals schon so wie heute: Unser Leben mit allen Zusammenhängen hängt ab von einer dünnen Humusschicht, von den fünfundzwanzig Zentimetern Ackerkrume, die an einigen Stellen die Erdoberfläche bedeckt und vom Bauern bearbeitet wird. — Es ist empfehlenswert, sich diesen Tatbestand gelegentlich einmal vor Augen zu führen; man behält den Grund unter den Füßen. Keines der hochentwickelten Industriewerke, keine Weltraumforschung, ist ohne den Bauern oder Farmer lebensfähig. Allerdings kann der Landmann ohne diese komplizierten Zusammenhänge gut auskommen.

Die Humusbildung wurde dadurch gefördert, dass die Heide im Stall zur Streu gebraucht und dann wieder auf das Feld gebracht und untergepflügt wurde. Die Heidemaad geschah in der Regel nicht mit der Sense; die Heide wurde vielmehr mit dem Heidsieb (an anderer Stelle auch [Heidesieb] genannt) geschlagen. Wenn sie so den Rundgang durch den Stall machte, gab das echte Humusbildung. Noch nach dem letzten Kriege wurden täglich hohe Fuder Plaggen aus der Oerlinghauser Senne gefahren, auch von den Bauern fetterer Landstriche, denen es an Stroh mangelte.

Nach dem Erzählen meines Großvaters war es der Flurschütz, der früher den Oerlinghausern die Flächen zuwies, auf denen sie mähen konnten. Auf diese Weise wurde Ordnung gehalten, und es kam eine Parzelle nach der anderen an die Reihe. So verjüngte sich jedes Jahr die Oerlinghauser Heide.

Begünstigt wurde diese Ordnung durch den Wohlstand im Dorf, der die Oerlinghauser nicht zu solchem Raubbau zwang. Zudem hatte ja die eigentliche Feldmark Lößboden. Jetzt aber ist es in der Oerlinghauser Senne so, dass kaum noch irgendwo schöne Heide wächst. Auch wenn Leute nur zwei „Pocken“ Heide mit der Karre nach Hause fuhren, oben durchgespannt war immer das Heidsieb.

Allgemein aber nahm der Raubbau an Plaggen in der lippischen Senne so überhand, dass sie anfing, langsam zu versanden; man trat dem um 1800 mit der Aufforstung durch die Kiefer entgegen. Bis dahin kannte man diesen Baum hier nicht. Auf welche Weise sollte man nun aber, wo eine Bodenverbesserung durch Plaggen nicht mehr möglich war, den spärlichen Ackerboden verbessern? Handelsdünger gab es damals noch nicht.

Da sind die Senner auf die wilde, ausdauernde Lupine gestoßen, die man an Böschungen, Feldrainen und auf Waldböden fand und die sich dazu anbot, auf dürftigem Boden angebaut zu werden. Von ihr stammt die blaublühende und gelbblühende Bitterlupine ab. Die Süßlupine ist eine Neuzüchtung aus dem Jahre 1929. Wurzeln und Stoppeln sind zur Gründüngung bestimmt und die Früchte als Futter für das Vieh. Wenn sie hier bei uns angebaut wurde, flüsterten sich das die Hasen, Rehe, Kaninchen und Wildschweine und was sonst an Wild hier war, bis hin zum Sennelager zu, denn im Gegensatz zur Bitterlupine ist sie eine Delikatesse für das Vieh.

Nun darf man aber nicht meinen, dass die Sennebauern auf die Neuzüchtung der Süßlupine gewartet hätten, auch wenn man sie sicherlich begrüßte. Man höre, wie man es hier handhabte: Um das Vieh, besonders aber die Schafherden, durch den Winter zu bringen, musste man neben dem normalen Wirtschaftsfutter noch Beifutter geben. Man sonderte ein oder zwei Schafe ab und fing an, sie vorsichtig mit Bitterlupinen zu füttern. Wenn sich dann herausstellte, dass sie sie vertrugen, ging man langsam dazu über, die ganze Herde damit zu versorgen. Das Ergebnis waren dann gesunde Schafherden.

Unglaublich klingt das; es ist aber wahr. Und wer’s nicht glauben will, der frage den Jacobskrüger, der bestätigt’s. Nach diesem kleinen Abstecher in die Landwirtschaft möchte ich zurückkommen auf den Lupinenkrug.

Kann es da nicht sein, dass der Besitzer der Stätte am Alten-Senne-Hellweg, da, wo sich dieser mit dem Weg von Oerlinghausen nach Stukenbrock kreuzt, ein fortschrittlicher Mann war, der seinen Boden durch Lupinenanbau verbesserte? Wenn dann Jahr für Jahr immer ein anderes seiner Felder die leuchtenden gelben oder blauen Blumen zeigte, mögen dann die Hirten, Schäfer, Wanderer und Reisenden nicht vom „Lupinenkrug“ gesprochen haben?

Gern glauben kann man es, dass der Lupinenkrug zur Zeit der Hochblüte des Schmuggels auch seine Rolle gespielt hat. Als Schwarzbrennerei, in der man hinter dem Rücken der Obrigkeit Korn brannte und heimlich ausschenkte, als nicht konzessionierter Krug, als heimliches Schmuggelnest schlimmster Ordnung. Das wird stimmen. Da wird’s oft bunt hergegangen sein mit wilden Gelagen und tollen Raufereien.

Manches von den alten Geschichten darüber ist erdichtet. Und an den langen Winterabenden in der Schneiderfeier werden die Oerlinghauser Zeit genug gehabt haben, sich das Treiben in der wilden Senne ausführlich auszumalen.