Wildwest in Lipperreihe

STADTGESCHICHTE: Wie die Schmuggel-Mafia in der Senne arbeitete

 

[Foto]: Idyllische Gaststätte: Der Bartholdskrug auf einer Postkarte um 1910. Noch 100 Jahre zuvor blühte hier das Schmuggelunwesen. | © Horst Biere

[Foto]: Der Lapinenkrug (Lupinenkrug) am Stukenbrocker Weg: Der Krug, in dem oftmals dunkle Geschäfte abliefen, ging Anfang des 20. Jahrhunderts in den Besitz des Lumpenhändlers Kopp über und wurde später abgerissen. Nach einer Zeichnung von Adolf Westerheide 1963. | © Horst Biere

Oerlinghausen. Lipperreihe war ein heißes Pflaster - damals vor etwa 200 Jahren. Obwohl nur wenige Menschen in der kargen Sennelandschaft lebten, gab es heftige nächtliche Schießereien und immer wieder tote Oerlinghauser und Senner Anwohner. Die blanke Not trieb die zumeist jungen Menschen in die Kriminalität, in das lukrative Schmuggelgeschäft und damit oft vor die Gewehrläufe der preußischen Gendarme.

Im Zentrum der dunklen Geschäfte stand der Bartholdskrug. Das heutige idyllisch gelegene Gasthaus am Hellweg in Lipperreihe galt über viele Jahrzehnte hinweg als "Schmuggelkrug". Denn unmittelbar hinter dem 1710 erbauten Lokal, das von der Gastwirtsfamilie Grote betrieben wurde, lag die Landesgrenze Lippes zu Preußen. Wie die Mafia arbeiteten die Schmugglerbanden. Begehrte und zollpflichtige Waren wie teures Leinen, aber auch die wertvollen Kolonialwaren, die über den Weserhafen Erder nach Lippe eingeschleust wurden, transportierten die organisierten Banden bis zum Lipperreiher Bartholdskrug. Dann übernahmen junge Lastträger - zumeist arme Bauern aus der Senne - die wertvolle Fracht und brachten sie in Nacht-und-Nebel-Aktionen über die preußische Grenze auf das heutige Bielefelder Gebiet. Alles, um den hohen preußischen Zoll zu umgehen.

Die preußische Regierung griff hart durch - damals Anfang des 19. Jahrhunderts. Sie verstärkten erheblich die Grenzposten und die Gendarme an der lippischen Grenze. Und die bewaffneten Soldaten fackelten nicht lange. Wen man in den Wäldern nachts fasste, der wurde kurzerhand erschossen. Die Hintermänner, die Schmugglerkönige, blieben zumeist unbehelligt. Den Gastwirt Grote als Drahtzieher hatten die preußischen Behörden seit langem im Visier. Durch einen Trick lockten sie ihn über die Schopke auf Bielefelder Gebiet. Hier wurde er sofort verhaftet, gefesselt und ins Gefängnis nach Soest gebracht. Seine Mutter versuchte, ihn über die lippische Landesregierung wieder freizubekommen. Als lippischer Untertan könne er doch nur von den hiesigen Gerichten abgeurteilt werden, flehte sie. Doch ihre Bitte war unnötig. Dem listigen Grote war es inzwischen gelungen, aus der Gefangenschaft in Soest zu entfliehen. Er kam im August 1825 wieder zu Hause an. Die preußische Justiz hatte das Nachsehen.

Aber nicht nur der Bartholdskrüger Grote galt als einer der Hauptübeltäter. Die mafiosen Strukturen wurden von anderen Drahtziehern im Hintergrund wie den Gebrüdern Hölter oder dem Schmugglerboss Krone aus Oerlinghausen perfekt organisiert. Sie bauten auch andere Stützpunkte und Schleichwege aus. Zum Beispiel den Lapinenkrug (später auch Lupinenkrug genannt), der am heutigen Stukenbrocker Weg in Oerlinghausen kurz vor der Einmündung auf den Hellweg lag. Etwa dort, wo heute die Firma Gundlach ihre Produktionshallen hat.

 

Der Lapinenkrug lag seinerzeit an der Hauptroute zwischen Bielefeld und Paderborn. Alle Fuhrleute, die ihre Pferdegespanne auf dieser Strecke über lippisches Gebiet lenkten, kannten den schmierigen Lapinenkrüger. Ebenso wie alle Schmuggler, Hehler und anderes lichtscheues Gesindel. Der Krug galt als einer der Umschlagplätze für unsaubere Warengeschäfte. Und der Krugbesitzer konnte offenbar gut davon leben. Sehr oft überließ er die Schankräume allein seinen obskuren Gästen. Er stellte nur einige Flaschen Korn oder Wachholder bereit und war für viele Stunden verschwunden. Aber die Kasse muss letztlich wohl gestimmt haben.

BITTERE NOTZEITEN

Es herrschte große Not und oftmals bittere Armut in unserer Region in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Viele Oerlinghauser Familien hatten bislang als Leinenweber am häuslichen Webstuhl ein bescheidenes Einkommen erzielt. Durch das billige maschinengefertigte Importleinen - anfänglich vor allem aus den englischen Fabriken - konnten die Hausleineweber nicht mehr mithalten. Überall in Lippe und Ravensburg standen die Webstühle still. Viele Menschen starben an Hungertyphus. Allein um die Familien durchzubringen, nahmen oftmals junge Menschen das Risiko des Schmuggelns auf sich.

ZOLLVERWALTER

Anfang des 18. Jahrhunderts war der Nachbar des Bartholdskrugs, der Jakobskrüger, der Zollerheber zwischen Lippe und Preußen. Später ging die Zolleintreibung auf den Bartholdskrüger über, der seinen Namen Barthold Grote, dem Erbauer und ersten Besitzer des Kruges verdankt. Er nannte sich stolz „herrschaftlicher Zollverwalter". Sehr bald war er in das blühende Schmuggelwesen verstrickt. Doch er beklagte sich heuchlerisch bitter bei den lippischen Behörden über seinen Nachbarn Jakobskrüger. Der gestattete es den Fuhrwerken, die Waren für das preußische Bielefeld illegal über seine Äcker zu transportieren, um den Zoll zu umgehen.