Die Zeit der wilden Kneipen in der Senne
[Bild]: Als ziemlich wilde Spelunke wird der Lapinenkrug beschrieben, der etwa dort lag, wo heute das Gelände der Firma Gundlach ist. Die Zeichnung von Adolf Westerheide zeigt das Haus, als es bereits von Lumpensammler Kopp übernommen worden war. (© Repro: Horst Biere / Quelle: Westerheide)
Oerlinghausen. Der Alkohol spielte offenbar eine große Rolle im Oerlinghausen früherer Jahre - sowohl in der Herstellung als auch im Verbrauch. So gab es schon seit Jahrhunderten mehrere kleinere Brauereien im Ort. Die letzte, Beckers Brauhaus im heutigen Bürgerhaus, stellte bis um 1920 original Oerlinghauser Bier her. Doch vor allem das Branntweinbrennen entwickelte sich zu einem echten Volkssport in der Gemeinde.
„Was jedoch im Dorf produziert wurde, reichte für den Bedarf oftmals nicht aus, so dass von Lemgo und Bielefeld Branntwein eingeführt wurde“, berichtet der ehemalige Bürgermeister August Reuter in seiner Chronik. Und er schreibt: „Dass auch der Verbrauch erheblich gewesen sein muss, ergibt sich aus Oerlinghauser Gerichtsprotokollen früherer Jahre. Ständig ist dort von Ausschreitungen zu lesen, die im Branntweinrausch begangen wurden.“ Bereits im Jahre 1810 besaß der kleine Ort acht Branntweinschänken, von denen vier in der Nähe der Alexanderkirche lagen.
30 Liter für einen Thaler, und das Fass gab’s dazu
Die besondere Lage Oerlinghausens an der Grenze zu Preußen hat offenbar den Verkauf von Schnaps deutlich angekurbelt. Reuter erzählt zum Beispiel über das Branntweingeschäft von Friedrich Adolf Tölke, der 1832 die fürstliche Erlaubnis erhielt, einen Destillierapparat zu betreiben. Doch Tölke habe vor allem die Alkoholschmuggler nach Preußen mit Oerlinghauser Schnaps versorgt. Und noch bis zum Jahr 1890 produzierte Hermann Bornheim in seinem Haus in der Jägerstraße 6 billigen Branntwein, der insbesondere nach Bielefeld verkauft wurde. „30 Liter für einen Thaler, das Fass gab’s dazu.“
Ein erheblicher Teil des Alkohols floss wohl auch in Gastwirtschaften in der Senne. Bereits im 18. Jahrhundert gab es in der kargen Heidelandschaft vier Lokale, den Pollmannskrug, den Bartholdskrug, den Jakobskrug und den Lapinenkrug, später kam noch der Dalbker Krug hinzu. Außer dem Pollmannskrug lagen alle drei Kneipen am Hellweg, der alten Handelsstraße von Bielefeld nach Paderborn und besaßen den Charakter von Raststätten.
Der Pollmannskrug sorgte für Schlagzeilen
In einer Lipperreiher Chronik heißt es: „Sie waren mehr als Dorfwirtschaften. Sie lebten hauptsächlich von der Beherbergung und Beköstigung, die sie den Fremden und den Fuhrleuten boten. Und von dem Vorspann, den sie den Fuhrwerken leisteten.“ Der Pollmannskrug, der 1721 inmitten der Ansiedlung „Lippische Reihe“ erbaut wurde, sorgte im Jahre 1880 für Schlagzeilen. Damals nämlich brach ein Großfeuer aus, während Gastwirt Pollmann im Krankenhaus lag.
Auch der Pollmannskrug besaß einen hübschen Biergarten. Anfang unseres Jahrhunderts wurde er abgerissen. (© Repro: Horst Biere / Quellen: Stadtarchiv und Heimatwerkstatt)
Die herbeieilenden Lipperreiher stießen bei den Löscharbeiten auf die Alkoholvorräte des Pollmannskrugs, machten sich darüber her und ließen die Gaststätte einfach abbrennen. Ganz Lipperreihe muss wohl stockbetrunken gewesen sein, und der Krug lag in Schutt und Asche. Er wurde aber wieder aufgebaut. Das Gebäude musste jedoch 2004 abgerissen werden.
Unmittelbar vor dem Menkebach und damit vor der preußischen Grenze standen der Bartholdskrug und der Jakobskrug. Viele der Fuhrleute, die mit ihren Waren auf dem Hellweg unterwegs waren, kehrten dort ein. Über mehrere Generationen hinweg waren sich die beiden Gastwirtsfamilien nicht grün. Wohl auch, weil beide ständig in das Schmuggelwesen an der Grenze verstrickt waren.
[Bild]: Die Postkarte vom Anfang des 20. Jahrhunderts zeigt den Bartholdskrug als nettes Ausflugslokal. Damals hatte er seine Schmugglervergangenheit längst hinter sich gelassen. (© Repro: Horst Biere / Quellen: Stadtarchiv und Heimatwerkstatt)
Vor allem der Bartholdskrüger galt als Feindbild der preußischen Grenzer, denn er förderte die Schmugglerbanden nach Kräften. Er wurde sogar einmal in Preußen inhaftiert, konnte aber aus dem Gefängnis fliehen. Nach 1842, als das Fürstentum Lippe dem Deutschen Zollverein beigetreten war, endete das Schmuggelgeschäft. Bis in unsere Tage allerdings hielt sich der Bartholdskrug und war bei bestimmten Anlässen sogar noch geöffnet. Der Jakobskrug dagegen wurde schon vor vielen Jahren in einen reinen landwirtschaftlichen Betrieb umgewandelt.
„Lippes Wirtshaus im Spessart“
Eine besondere Rolle muss von jeher der Lapinenkrug gespielt haben, der etwa dort lag, wo heute die Firma Gundlach ihre Produktion betreibt. In einer Chronik ist er als „Lippes Wirtshaus im Spessart“ beschrieben. Denn die Wirtschaft galt als üble Spelunke, in der nicht nur Fuhrleute, sondern auch Schmuggler, Hehler und anderes lichtscheues Gesindel einkehrten, heißt es.
Den Namen Lapinenkrug erhielt das Lokal offenbar im Siebenjährigen Krieg, als die Franzosen hier lagerten und sich über die vielen „Lapin“, die Kaninchen, wunderten. Chronist August Reuter schreibt, der Lapinenkrüger sei ein schmieriger Geselle gewesen. Er habe nicht einmal eine Schankkonzession besessen. Hier konnten manche Gäste auch einkehren, wenn der Besitzer gar nicht zu Hause war. Der Wirt habe einfach eine Flasche Branntwein oder Korn auf den Tisch gestellt. Aber die Kasse muss wohl trotzdem für ihn gestimmt haben.
Einigen ist der "Lumpenkopp" noch bekannt
Anfang des 20. Jahrhunderts ging das ganze Anwesen an den Lumpensammler Kopp über, der das Lokal aber nicht weiter betrieb. Vielen alten Oerlinghausern ist „Lumpenkopp“ noch bekannt, denn bis in die 1950er Jahre war er mit seinem Pferdefuhrwerk in der ganzen Gegend unterwegs, um Lumpen, Eisen, Knochen und Papier einzusammeln. Die Blütezeit der Krüge als Raststätten am Hellweg ging im Wesentlichen zu Ende, als im Jahre 1887 die Verbindungsstraße zwischen Brackwede und Paderborn, die heutige Bundesstraße 68, ausgebaut wurde. In jenen Jahren begann der Aufstieg des Kreuzkruges an der Straßenkreuzung B 68 und Oerlinghauser Straße - doch dieser Krug liegt bereits auf Schloß Holter Gebiet.